MindArt Allstars: Ein bisschen Randale

Nina Braun

Die junge HipHop-Crew "MindArt Allstars" ist wöchentlich auf den Straßen in Freiburg, Heidelberg und Karlsruhe unterwegs, um sich einen Namen zu machen und ihre Sicht der Dinge zu propagieren, die sich vor allem gegen die Bevormundung durch den Staat richtet. Am Freitag Nachmittag hatten die fünf Rapper wieder einen Auftritt in der Freiburger Fußgängerzone.



Irritation am Bert

Ein eher ungewohnter Anblick ist es in der Kaiser-Joseph-Straße, eine nicht oft gesehen Art der Straßenmusik: Fünf Jungs zwischen 17 und 24 Jahren haben mitten im hektischen Durchgangsrummel der Vorweihnachtszeit ihre mobile Bühne (eine Matte mit Schachbrettmuster) ausgerollt, den Ghettoblaster angeworfen, die Mikrofone ergriffen und rappen nun zu selbstgemixten Beats. Schnell scharen sich einige Zuschauer um sie: In der ersten Reihe Kids in weiten Hosen und Schildkappe, dahinter ein paar zaghafte Groupies im Teenie-Alter, zuletzt neugierige bis irritierte Passanten, die ihren Weihnachtseinkauf für einen Moment unterbrechen, um sich das kleine Spektakel anzusehen.

„MindArt Allstars“ nennt sich die Crew, hervorgegangen aus dem Netzwerk „MindArt79“, mit dem im Frühjahr die Zusammenarbeit von HipHoppern in Freiburg und Umgebung gefördert werden sollte. Jens („Jen’Zen Q“), Joscha („JayJay“), Manuel, Patrick („Skilla-P.“) und Sebastian („Pone“) sind die Überbleibsel des Projekts. Jede Woche sind sie inzwischen als Straßenrapper in Freiburg, Karlsruhe oder Heidelberg unterwegs, um sich einen Namen zu machen und selbstproduzierte CDs zu vertreiben. Die Auftritte in der Fußgängerzone sind in der regionalen Hiphop-Szene eine Besonderheit, wie Sebastian erklärt: „Die meisten trauen sich gar nicht, einfach auf die Straße zu gehen.“



Behüteter Gerechtigkeitskämpfer

Obwohl sich die Mitglieder der Crew als Einzelkünstler sehen und jeder seine eigene Meinung vertritt, treffen sich ihre Anschauungen, wenn es gegen die Konsumgesellschaft und vor allem die Überreglementierung durch den Staat geht – ein grundlegendes Thema ihrer Texte. „Der Staat hält uns gefangen, lasst uns wieder frei. Uns droht der Untergang, raus aus der Tyrannei“, heißt es da etwa.

Jens (24), der nach eigener Aussage wohlbehütet aufgewachsen ist und sich darauf nicht ausruhen will, versteht sich als „Gerechtigkeitskämpfer“ und Rebell. Er predigt Freiheit des Einzelnen, Kapitalismuskritik und Naturschutz. In seiner Ansicht, wie die Welt verbessert werden könnte, klingt er ebenso direkt und drastisch wie impulsiv und manchmal kurzdurchdacht. „Der Staat sollte abgeschafft werden“, erklärt er, „und die Globalisierung gleich mit.

Dann könnten wir wieder in Familien und Clans leben und über uns selbst entscheiden.“ Wie das zu bewerkstelligen sei? „Wahrscheinlich gar nicht. Ich bin eben Idealist. Aber Menschen sollten ihre Verantwortung nicht länger auf die Politiker abwälzen.“



Eigenverantwortliches Faulenzen

Eigenverantwortung heißt bei Jens auch mal lapidar: „Faulenzen dürfen, und nicht zum Arbeiten oder zur Schule gezwungen werden.“ Seine Forderungen umfassen eine beachtliche Bandbreite: Von direkter Demokratie in Kriegsfragen bis dahin, dass Marihuana legalisiert werden und Jugendliche nachts doch länger feiern dürfen sollten. „Ein bisschen Randale“ nach dem Vorbild Frankreich täte Deutschland auch ganz gut: „Nicht, dass gleich Autos angezündet werden sollen. Aber manchmal ist es mir zu langweilig hier, mir fehlt der Kick, das Reale.“

Von dem meisten HipHop-Größen wie Bushido hält er indes nichts. „Denen geht es nur ums Gangster-Image. Dabei sind alle Gangster, die Gesetze brechen. Ein Schwarzfahrer ist einer, ein Politiker ist auch ein Gangster.“

Die anderen sind da ein wenig zurückhaltender. „Der Staat hat natürlich nicht nur Nachteile“, sagt Sebastian (24), der aus der Graffiti-Szene kommt, auf einen wechselhafteren Lebenslauf zurückblickt und auch schon mal zwei Wochen in U-Haft verbracht hat. „Die Substitutionsprogramme etwa halte ich inzwischen für sehr sinnvoll.“

Einig sind sich die Jungs aber darin, den allgegenwärtigen Einschränkungen durch den Staat da einen Riegel vorschieben zu wollen zu wollen, wo sie überflüssig seien.

„Zum Beispiel wird auf dem ehemaligen Spielplatz im Colombipark offiziell geduldet, dass sich die Heroinsüchtigen ihr Zeug reindrücken“, erklärt Sebastian. „Und dann hat die Polizei nichts Besseres zu tun, als uns während unseres Auftritts von der Straße zu vertreiben – nur, weil elektrische Geräte abzuspielen dort verboten ist.“



Allstars vs Müllabfuhr

In der Aussage direkt, wollen sich die Allstars musikalisch nur ungern fest verorten. „Wir stehen irgendwo zwischen ‚Story telling’ und aggressivem ‚Battle’“, beschreibt der Jüngste im Bunde, der 17-jährige Joscha. „Das ist es auch, was uns ausmacht: Dass wir uns nicht festlegen lassen und mit verschiedenen Stils arbeiten. Nichts schlimmer, als wenn sich alles gleich anhört.“

Eine Art von Musik, die in der adventsverkleideten Kaiser-Joseph-Straße zumindest auffällt: Während ein paar Meter weiter ein melancholischer Ziehharmonika-Spieler fast unbemerkt in leisen Tönen ebenfalls die Ungerechtigkeit dieser Welt besingt, erregen die Rapper Aufmerksamkeit auch bei den Passanten, die nicht unmittelbar zu ihrer Zielgruppe gehören. „Ich finde das gut“, sagt eine Mutter mit Kinderwagen, die stehen geblieben ist und zusieht. „Es ist etwas anderes als die übliche Instrumentalmusik, und auch mal was für jüngere Leute.“

Dann muss sie ihren Platz räumen: Ein Wagen der städtischen Abfallwirtschaft und Stadtreinigung bahnt sich seinen Weg und vertreibt dabei einen Teil der Zuschauer. Die MindArt Allstars ignorieren ihn. Ein Bild fast mit Symbolcharakter.