Lichtspielhäuser

Michael Wiedemann verkauft nach 44 Jahren seine Freiburger Kinos

Frank Zimmermann

Michael Wiedemann liebt das Kino. 44 Jahre lang hat er diese Liebe zum Beruf gemacht, nun kann er wie ein normaler Besucher im Kinosessel sitzen. Wie geht es mit dem Angebot weiter?

Denn der 62-Jährige hat die Geschäftsführung des Kandelhofs sowie der Harmonie- und Friedrichsbau-Kinos abgeben und seine Anteile an seine Partner Ludwig Ammann und Michael Isele verkauft. "Was ich jetzt genieße, ist, mit meiner Frau ins Kino zu gehen zu ganz normalen Zeiten und ruhig zu bleiben; ich sitze nicht mehr zitternd da und springe zwischendurch raus." Wiedemann ist entspannter geworden. Jahrzehntelang hat er Filme genossen und geackert, jetzt kann er ganz genießen. Zum Beispiel in der vergangenen Woche als Besucher der Berlinale.


Freiburg gilt als Hochburg des Programmkinos. Wenn es einen Namen gibt, der damit verbunden ist, dann ist das Michael Wiedemann. "Die Freiburger sind ein Publikum, das politisch bewusst lebt und bewusst durchs Leben geht, und da gehört Filmkunst einfach dazu", versucht der 62-Jährige den hiesigen Arthaus-Boom zu erklären: "Elf Programmkinos in einer Stadt von der Größe Freiburgs – wo gibt es das noch außer in Berlin?"

Start im Jahr 1972

Angefangen hat Wiedemann 1972 bei den Olympic-Kinos, die später die Ufa übernahm. Dazu gehörten die Kinos in der Schwarzwaldcity, im Stadttheater (Kurbel und Kamera) sowie Casino und Astoria am Martinstor. Anfangs schrieb der gelernte Dekorateur und studierte Grafiker Preisschilder, drei Jahre später war er der Chef der Freiburger Ufa-Kinos.

1988 wechselte Wiedemann in die Zentrale nach Frankfurt und war für 150 Ufa-Kinos in ganz Süddeutschland zuständig. Irgendwann war es ihm dann aber zu viel bloße Schreibtischarbeit mit zu wenig Kontakt zur Basis, dem Kinopublikum. So kaufte er 1996 ein Kino-Center in Kaiserslautern. 1998 zog es ihn dann ganz zurück in seine Heimat Freiburg – ungeachtet der Tatsache, dass sich hier mit Cinemaxx und Ufa-Palast gerade zwei Multiplex-Konkurrenten bekriegten.

"Ich habe hier gleich meinen Platz gefunden" Michael Wiedemann
Wiedemann kaufte dessen ungeachtet die Friedrichsbau-Kinos samt Kandelhof. "Ich habe hier gleich meinen Platz gefunden", erinnert er sich an den umkämpften Markt. Viele Verleiher hätten auf ihn gesetzt, weil sie fanden, dass ihre Filme bei einem Kinobetreiber, der stets persönlich vor Ort ist, besser aufgehoben seien.

Und Wiedemann war nicht nur vor Ort, sondern auch sehr erfinderisch in Sachen Kundenpflege und Marketing. Oft sah man den Kinobesitzer selbst an der Kasse sitzen. "Da hat man sofort Kontakt zu den Besuchern und einen Überblick, welche Filme gut laufen."

Seine Idee: "Pay after"

Wenn er einen noch unentschlossenen Besucher am Schalter hatte und ihm ein Film gerade besonders am Herzen lag, bot er diesem an, das Eintrittsgeld zurückzuzahlen, wenn diesem seine Empfehlung nicht gefalle. Auch die "Pay After"-Idee, die Wiedemann um die Jahrtausendwende einführte, basierte auf dieser Idee: Der Besucher bezahlt hinterher so viel, wie ihm der Film wert ist. Die Vorpremierenreihe läuft noch heute erfolgreich.

Dass das Kino mitunter drauflegt, kann Wiedemann verschmerzen, für ihn ist es Marketing. Als er den schwedischen Film "Wie im Himmel" puschen wollte, zeigte er von diesem kurzerhand 20 Minuten als Vorfilm: Für ihn sei das der schönste Film des Jahres. Der lief anschließend mehr als ein Jahr in Wiedemanns Kino. "Programmkino ist aufwändig", sagt er. "Man muss sich um die Filme bemühen, sie begleiten und für die Leute da sein."

Mut zum Investieren

Als das Experiment des Multiplex-Konzerns Cinemaxx scheiterte, mit der Harmonie in Freiburg Konkurrenz im Arthausbereich zu machen, übernahm Wiedemann 2008 die Kinos an der Grünwälderstraße und päppelte sie wieder auf. Dabei hatte er den Mut, viel zu investieren – in die Innenausstattung ebenso wie in die neue 3-D- und Digitaltechnik.

Schon beim Einstieg von Ludwig Ammann und Michael Isele 2012 habe man festgelegt, dass er in fünf Jahren aussteigt, sagt Wiedemann. Wobei seine beiden Töchter die Option gehabt hätten, in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Mit seinen Nachfolgern ist er zufrieden: Die fünf Jahre zu dritt seien bereichernd gewesen, aber nun sei es für ihn gut.

Er habe bessere Angebote für seine Kinos gehabt, aber "ich wollte jemanden, der in Freiburg verwurzelt ist und die Kinos so weiterführt". Mit Ammann und Isele sei das gewährleistet. Ganz loslassen muss Michael Wiedemann nicht – er und seine Frau Daniela arbeiten noch im Büro seiner Nachfolger mit. "So komme ich weiterhin kostenlos ins Kino", scherzt er. Aber natürlich sei er auch traurig. "Das war ja mein Baby."

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