Michael Wiedemann, der Filmselekteur

Sandra Tieso

Heute Abend wird das 4. Freiburger Filmfest im Mensagarten mit "Tuyas Hochzeit" eröffnet. Dass Michael Wiedemann eines Tages sein eigenes Filmfestival leiten wird, daran hat er als kleiner Junge nicht im Traum gedacht. Für den Pfarrer fegte er damals die Straße, um mit dem Verdienst Sonntag mittags das Kino besuchen zu können. Inzwischen besitzt er gleich drei davon, gilt als Freiburgs größter Filmkenner und will der Stadt zum Aufstieg in die Festival-"B-Klasse" verhelfen.



15 Jahre gibt Michael Wiedemann sich und seinem Festival-Team, dann soll das Freiburger Filmfest in einem Atemzug mit München und Münster genannt werden. Bis dahin ist der Weg zwar noch lang, doch bisher ist der Filmexperte noch über kein Hindernis gestolpert. Seit der ersten Veranstaltung vor vier Jahren hast das Festival kontinuierlich an prominenten Gästen, Ansehen und Zuschauern gewonnen. 6000 Filmfans kamen im vergangenen Jahr in die Friedrichsbau-Kinos und den Mensagarten, um internationale Premieren, Dokumentarfilme und Deutsches Kino zu sehen und zu bewerten.


Der Cineast schwärmt vom bisherigen Rekordabend mit Pedro Almodóvars "Volver", bei dem sich 1.200 Gäste vor der Leinwand im Mensagarten drängten - obwohl es nur 800 offizielle Plätze gibt.



Kurzerhand wurde da einfach die Wiese zum zusätzlichen Boden-Sitzplatz erklärt und die Sichtschutz-Planen an den Zäunen um die Mensawiese entfernt, "damit auch die was sehen konnten, die keine Tickets mehr bekamen."

Begehrt sind die Filme, die Michael Wiedemann für das Publikum auswählt, fast immer. Seine Gäste kennen den Kinochef, der den Friedrichsbau-Lichtspielen zu deutschlandweitem Renomée und zahlreichen Filmkunst-Preisen verhalf. Durch ganz Europa reist der Kenner, um auf den großen und kleinen Festivals die besten Geschichten für Freiburgs Kinopublikum zu finden.

Nach erster Selektion bleiben um die hundert. Zehn Prozent davon schaffen es nicht, den Freiburger bis zum Ende zu überzeugen, dann verlässt er schonmal frühzeitig den Premierensaal. 90 andere Filmrollen landen wenig später im Friedrichsbau und im Kandelhof. "Für die Filme, die ich zeige, würde ich auch selbst Geld ausgeben", behauptet Michael Wiedemann.



Meist ist es Neues Deutsches oder europäisches Kino, das in den Sälen an der Kaiser-Joseph- und der Kandestraße kommt. Nicht etwa, weil Wiedemann amerikanische Filme vom vornherein ausschließt. "In Europa und Deutschland werden einfach die besseren und spannenderen Geschichten erzählt."

Mit Grauen erinnert sich Michael Wiedemann an manch hoffnungsvollen Besuch amerikanischer Blockbuster. Er hofft, dass das US-Kino endlich Abstand nimmt von der Fortsetzungsphilosophie und zurückkehrt zu großen Geschichten im Stil von "Forrest Gump". In diesem Fall würde Wiedemann sogar einen zweiten Teil akzeptieren.

Bis dahin schiebt er die "großen Amerikaner" weiter ab in sein Blue-Boxx Kino in Villingen-Schwennigen.

27 von Wiedemann ausgewählte Filme sind ab heute bis zum 28. Juli beim "4. Freiburger Filmfest" zu sehen. Neun davon um 21.30 Uhr (Einlass: 20 Uhr) unter freiem Himmel im Mensagarten, die restlichen im Friedrichsbau. Nicht zu vergessen der Höhepunkt des Festivals: 5.000 Euro gehen an den Film, der von den Zuschauern mit den besten Schulnoten bewertet wird (Publikumspreis 2007).

Michael Wiedemanns Tipps zum Filmfest:

1. Fremde Töne: "Heimatklänge" aus der Schweiz. Ein Klangkosmos, der weit darüber hinaus reicht, was wir als Gesang beschreiben würden.

2. Fremde Welten: "Still Life" aus China. Die Folgen des Baus des Drei-Schluchten-Damms.

3. Fremde Kulturen: "10 Kanus, 150 Speere und drei Frauen". Der Ethno-Film schlechthin!

Mehr dazu:

Freiburger Filmfest: Website Was: 4. Freiburger FilmfestWann: 20. bis 28. Juli Wo: Mensagarten und Friedrichsbau-Kinos Eintritt: 6,50 Euro, ermäßigt 5,50 Euro; Dauerkarte (Passfoto erforderlich) 70 Euro; 10er Karte 50 Euro; Reservierungstelefon: 3 60 31