Michael Renner: "Finke war ein Kumpeltyp"

David Weigend

Die Brüder David (links) und Michael Renner gehören zu den erfolgreichsten Machern im badischen Amateurfußball. Derzeit führen sie den SV Munzingen in die Landesliga. Im großen fudder-Interview sprechen sie über ihr blindes Verständnis, den Charakter des aktuellen Sport Club-Kaders und die Schrullen von Eckhard Krautzun.



Gestern abend war es eigentlich wie immer. Der SV Munzingen hat gewonnen (2-0 im Nachholspiel gegen Sexau). David Renner saß auf der Trainerbank, sein Bruder Michael dirigierte die Abwehr auf dem Platz. Vor dem Spiel haben wir die beiden getroffen, auf Kaffee und Cola. Running Wild.


Michael, du hast in den Saisons 90/91 und 91/92 beim SC Freiburg gespielt. Erst unter Eckhard Krautzun, dann unter Volker Finke. Dieser Krautzun scheint ja ein komischer Kauz gewesen zu sein.

Michael: Hm, stimmt. Das war einer, der hat die jungen Mädels bevorzugt und das auch ausgelebt.

David: Der hat doch immer im Hotel gewohnt.

Michael: Da hat man einiges mitbekommen. Der hat uns erzählt, man sollte am Hinterkopf Augen haben, weil peripheres Sehen ja auch auf dem Sportplatz so wichtig sei. Nach dem Training ist er dann rückwärts gegen nen Pfeiler gefahren. Von Geschichten dieser Art gibt es gnadenlos viele.

Mehr davon.

Michael: Einmal ist er mit einem Schweif Toilettenpapier in der Trainingshose zur Sitzung erschienen. Und einmal hat er mich kurz vor Mitternacht angerufen, um zu fragen, was ich gegessen habe. Er hat mich allerdings nie mit dem richtigen Namen angesprochen. Er hat immer Dieter gesagt. "Dieter, du Amateur!" Es war nicht normal.

Scheint eine lustige Zeit gewesen zu sein.

Michael: Ja, das war ein prima Haufen damals. Martin Braun, Ralf Kohl, die Zeyerbrüder. Die haben damals in ner WG in Hugstetten gewohnt. Absolute Pfundskerle. Ich habe mich sehr gut mit denen verstanden. Meine Sturmpartner waren Uwe Spies und Andree Fincke. Immer eine sehr kollegiale Stimmung. Supertruppe war das.



Hast du unter Krautzun überhaupt gespielt?

Michael: Mehr trainiert als gespielt. Krautzun war für mich einer der schlechteren Trainer. Er hat von mir gar nichts gehalten. In den letzten drei Spielen der Saison habe ich dann aber doch die Chance bekommen, meine Qualitäten für die zweite Liga zu zeigen. Volker Finke, der Krautzun abgelöst hat, wollte das damals sehen. Er war dann doch angetan und hat mich als Vertragsamateur verpflichtet.

Warum ist Krautzun damals gegangen?

Michael: Achim Stocker hat wohl gesehen, dass Krautzun im menschlichen Bereich Defizite hatte. Seine Entlassung war auf jeden Fall richtig, wie man gesehen hat. Finke hatte pädagogisch weitaus mehr zu bieten. Er ist auf die Spieler eingegangen, hat viele Einzelgespräche geführt. Er war eigentlich so ein richtiger Kumpeltyp, sehr angenehm. Bei ihm ist es recht ordentlich gelaufen für mich.

Dann kam die Knieverletzung.

Michael: Die hat mich zurückgeworfen. Ich bin nicht zum Zug gekommen, habe mein Selbstbewusstsein verloren. So habe ich das Profigeschäft abgehakt. Ich wollte es ein wenig ruhiger angehen lassen. Es war auch die Zeit, als das zweite Kind kam. Ich bin dann in den Beruf zurück und habe mit dem FFC in der Oberliga gespielt.

Steigt der SC Freiburg auf?

Michael: Ja. Weil sie bisher eine sehr starke Rückrunde spielen. Der Kader hat durch die letzten Spiele riesiges Selbstvertrauen aufgebaut. Das ist vielversprechend. Ich denke, sie ziehen es durch.

David: Ich glaube, dass es hinten raus nicht reichen wird. Die Mannschaft hat meiner Meinung nach einen ganz schlechten Charakter. Weil die Spieler erst Gas geben, nachdem sie wissen, dass der Trainer geht. Davor ging es ihnen offenbar zu gut.

Interessante These.

David: Für mich besteht da auf jeden Fall ein Zusammenhang. Wie kann es sein, dass diese Spieler in der Vorrunde so einen Stiefel kicken und erst dann Gas geben, wenn sie wissen, dass der Trainer geht? Plötzlich müssen sie sich um neue Verträge sorgen. Da sind manche dabei, die hatten ihre Verträge unter Finke, egal, wie sie gekickt haben.

Andere sind der Meinung, die Mannschaft symphatisiere stark mit Finke und legt sich für ihn ins Zeug, damit der Vorstand seine Entscheidung überdenkt.

David: So kann man es zwar darlegen. Aber warum haben sie dann nicht in der Hinrunde schon so gespielt? Da war Finke auch da.

Wie beurteilst du das Handeln des SC-Vorstands seit der Finke-Entlassung?

David: Der Stocker hat lang gewusst, was er macht. Warum sollte er jetzt auf einmal die Übersicht verlieren? Durch die Entlassung ist jetzt natürlich viel Dynamik in den Verein gekommen. Diejenigen, die im Winter "Finke raus!" gebrüllt haben, schreien jetzt, er solle bleiben.



Ihr arbeitet selbst als Trainer. Wie kam es eigentlich zu diesem Renner-Coachgespann?

David: Der FFC hat uns das damals angeboten. Als verdienter Spieler hat Michael das Training der zweiten Mannschaft übernommen.

Michael: Ich habe erst mit unserem älteren Bruder Christian die C-Jugend trainiert. Er konnte das aus beruflichen Gründen dann nicht mehr machen. So habe ich David gefragt. Der ist ja auch ein Fußballverrückter. Er hat Ja gesagt und seitdem hat sich unsere Zusammenarbeit bewährt.

Habt ihr auch zusammen gespielt?

David: Ja, ein Jahr lang bei Post Jahn, nachdem wir aus der Jugend rausgekommen sind.

Michael: Da sind wir Meister geworden, oder?

David: Nein, das war in Denzlingen.

Juckt es dich nicht auch, zu spielen, wenn du Michael auf dem Platz siehst?

David: Nein, das ist abgehakt. Ich hatte mit 27 einen Bandscheibenvorfall. Außerdem war meine körperliche Verfassung nie so gut wie die von Michael. Ich war aufgrund meiner Veranlagung immer etwas fester beinander als er. Nach der Bandscheibenoperation ging es dann gar nicht mehr mit dem Spielen. Von daher bin ich froh, dass ich draußen stehe.

Ihr habt vor einer Woche euren Trainervertrag in Munzingen für eine weitere Saison verlängert. Spielte dabei die Aussicht, bald Landesliga zu spielen, eine Rolle?

Michael: Nein. Die Bezirksliga ist im Grunde die Liga, in der wir uns wohlfühlen. Die Entfernungen sind nicht groß. Von der Leistungsdichte her ist es für mich angenehm, im Bezirk zu spielen. Landesliga mussten wir nicht haben, aber wir nehmen sie jetzt natürlich gern mit.

Lagen auch andere Angebote auf dem Tisch, als ihr in Munzingen verlängert habt?

David: Es kam eine Anfrage eines Oberligisten, die uns sehr geehrt hat.

(fudder vermutet, dass es sich um den FC Emmendingen handelt)



Ihr seid auch schon beide nebeneinander auf der Trainerbank gesessen.

Michael: Ja. Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass unsere Meinungen auch voneinander abweichen. So, wie wir das momentan machen, harmoniert es sehr gut, ich als Spieler, er als Trainer draußen.

David: Michael ist da schon federführend als Spielertrainer. Während des Spiels bin ich draußen, das Training machen wir miteinander. Zu 98 Prozent sind wir deckungsgleich. Klar liegen wir auch da mal auseinander, aber dann finden wir einen Konsens. Zwischen uns gibt es schon so etwas wie ein blindes Verständnis.

Euer treuester Fan?

David: Unser Vater. Er ist 69.

Warum seid ihr eigentlich damals aus Teningen gegangen, obwohl es dort so gut lief?

David: Die hätten uns gern weiterverpflichtet. Aber wir wollten einfach nicht mehr den Aufwand betreiben, den wir dort betrieben haben. Die Bezirksliga kam uns dann eher entgegen, auch vom Trainingsaufwand her. Zwei Mal in der Woche, das reicht. Wir wollten uns etablieren in Munzingen. Der Verein ist ja erst im zweiten Jahr in dieser Liga, ein Neuling.

Den SVM hatten als Meisterschaftskandidaten am Saisonbeginn wohl eher wenige auf der Rechnung.

David: Der Kader wurde optimal ergänzt, durch Clemens Geißler, Manni Daimon und Michael. Die Mannschaft hat eine positive Dynamik entwickelt. Wir stehen klar vorne. Damit haben wir anfangs nicht gerechnet.



Wie stark unterscheidet sich die Stärke der Mannschaften in Bezirksliga und Landesliga?

David: Die ersten fünf, sechs Mannschaften der Landesliga heben sich schon ab. Mit den restlichen Teams können die ersten vier, fünf Mannschaften der Bezirksklasse durchaus mithalten. Im athletischen Bereich gelten in der Landesliga andere Voraussetzungen. Daran müssen wir arbeiten.

Was würde der Aufstieg für den SVM in finanzieller Hinsicht bedeuten?

David: Mehrkosten. Drei Schiedsrichter pfeiffen eine Landesligapartie, im Bezirk bloß einer. Weitere Auswärtsfahrten. Beim Kader müssen wir schauen, dass wir mit dem Vorjahresetat hinkommen. Munzingen ist nicht der Verein, bei dem man reich wird. Das Ganze ist sehr leistungsbezogen. Für die Spieler gibt es eine Aufwandsentschädigung fürs Fahren und eine gute Punktprämie.

Wird der Kader beisammen bleiben?

David: Die Verhandlungen laufen derzeit auf Hochtouren. Wir sprechen mit der Mannschaft und dem einen oder anderen, den wir als Verstärkung wollen. Zwei bis drei Einkäufe sind geplant.

Wie motiviert man einen Tabellenführer mit 17 Punkten Vorsprung?

Michael: Wir haben unsere Ziele und die sind ziemlich ehrgeizig. Wir haben nicht vor, einen Punkt von unserem Polster abzugeben.



Biographisches

Michael Renner (40), aufgewachsen in Weingarten-Ost; Vereinsstationen: Post Jahn (Kreisliga A), Sportfreunde Freiburg (Verbandsliga, Torschützenkönig), FC Emmendingen (Oberliga), SC Freiburg (2. Bundesliga), Freiburger FC (Oberliga) , FC Denzlingen, Freiburger FC (Spieler und Trainer, Kreisliga A, Aufstieg), SC Reute (Spieler und Trainer, Landesliga), FC Teningen (Spieler undTrainer, Verbandsliga), SV Munzingen (Spieler und Trainer Bezirksliga); gelernter Gas- und Wasserinstallateur; arbeitet seit sechs Jahren als Hausmeister bei der Landespolizeidirektion Freiburg.

David Renner (39), Vereinsstationen: Post Jahn, Wiehre 04, Wildtal (Kreis A), Stegen, Hausen, Jugendtrainer bei Post Jahn, später mit Michael zusammen Trainer beim Freiburger FC, danach verläuft die Vereinsbiographie parallel zu der von Michael; lernte zuerst Bäcker, dann Industriekaufmann; arbeitet bei Alpirsbacher Klosterbräu im Außendienst.