Michael Nehls: Der Zeitraffer

David Weigend

Am 20. Juni 2008, gegen Abend, trinkt Michael Nehls am Hafen von Annapolis, Maryland, ein Bier. Das erste seit einem Jahr. Der 45-Jährige ist weit gefahren für diese Belohnung. Vom Pazifik zum Atlantik, 4800 Kilometer, einmal quer durch die USA in zehn Tagen. Der Vörstetter wurde Siebter beim Race Across America (RAAM), dem längsten Radrennen der Welt.



Es ist die Geschichte eines ganz normalen Mannes, der nicht ganz normale Sachen macht. Das fängt damit an, dass er von einer „Trainingsfahrt nach München“ erzählt. Andere sind ja schon gestresst, weil sie bei der Bahnreise gen Bayern zweimal umsteigen müssen.


Nehls wechselt höchstens die Trinkflaschen, wenn er in zehn bis zwölf Stunden die 400 Kilometer nach München runterreißt.

Sein Denken erinnert hierbei an Beppo Straßenfeger aus MOMO: „Ich stelle mir nie die ganze Distanz vor. Ich genieße es erstmal, dass ich durchs Glottertal nach St. Peter hochfahren darf. Ein schöner Ort. Dann freue ich mich auf den Thurner. Ich erinnere mich, wie ich hier schon als Kind mit Langlaufskiern unterwegs gewesen war. Dann kommt die tolle Abfahrt ins Urachtal. Und so weiter.“



2001: Nehls, Doktor der Medizin, hat eine ansehliche Karriere als Molekulargenetiker hinter sich. Er arbeitet für ein Münchner Biotech Unternehmen, also: er sitzt die meiste Zeit des Tages. 94 Kilo, Nehls ist übergewichtig. Das stört ihn. Der Speck soll weg. Er kauft sich ein Rennrad und legt los.

Sieben Jahre später, RAAM 2008, frühmorgens. In einem Motel in Elkhart, Kansas liegt Michael Nehls, inzwischen etwa 20 Kilo leichter. Er hat schon 782 Kilometer Amerika in den Knochen. Nehls wacht auf, weil er merkt, dass seine Betreuer ihm Strümpfe anziehen. Die Matratze, auf der er liegt, ist total durchnässt. Fünf Stunden lang hat Nehls geschlafen, und bevor er einschlief, hat ihn seine Physiotherapeutin Annette Eller mit basischen Wickeln quasi zur Mumie gemacht.



Nehls cremt sich mit Babyöl ein, zieht das Trikot an und stakst vom Motel rüber ins Wohnmobil. Seine Frau Sabine hat Pancakes und French Toasts zubereitet. Nehls isst sie, trinkt Kaffee und frisch gepressten Karottensaft. Dann kommen die Crewchefs Horst Hauber und Markus Hilgart rein und sagen so etwas wie: „Michael, heute wird es recht warm. 30 Grad. Du solltest in den nächsten 48 Stunden 880 Kilometer schaffen. Übermorgen müssen wir am Missisippi sein.“

Nehls nickt. Man vereinbart den Treffpunkt für die Mittagsrast. Das Wohnmobil wird wieder irgendwo in der Prärie stehen. Sabine und die anderen werden ihn schon am Straßenrand erwarten, mit Deutschlandflagge.

Nehls sammelt seine Gedanken und setzt sich auf sein frischpoliertes Scott Addict. Die Hitze ist ihm egal: „Ab 30 Grad komme ich auf Betriebstemperatur.“ On the road again, über all die verdammten Schlaglöcher, und immer das Ziel vor Augen: In sieben Tagen sitze ich am Atlantik und trinke ein Bier.



Einschub zum Verständnis: Wenn Michael Nehls nicht mehr fahren könnte, er würde wahrscheinlich lange Strecken wandern. Bewegung als Meditation. „Ich kann da meine Gedanken spielen lassen. Das ist eigentlich das Wichtigste für mich.“



Nehls ist, und das ist schon sehr erstaunlich, kein Freak, sogar nicht mal einer, der sich schinden mag. Er bezeichnet sich als Genussmenschen. Der dreifache Familienvater lässt sich nur schwer vergleichen mit dem RAAM-Sieger Jure Robic, einem slowenischen Soldaten, der mit gut einem halben Tag Vorsprung als Erster das Ziel erreichte.

In den New York Times war Seltsames über Robic zu lesen, etwa, dass er sich von seiner Crew ganz gezielt in Paranoia versetzen ließ, was sich bei Schlafmangel recht leicht machen lässt. Nehls dagegen plante die umgekehrte Strategie: Mehr schlafen als die anderen, dafür schneller fahren. Kraft-Ausdauer. Über 90 Stunden saß er während des Rennens nicht auf dem Rad. Im Übrigen ließ er sich jeden Tag Blut abnehmen, das war Teil des Anti-Doping-Programms, dem sich Nehls verpflichtete.



Auch die mentale Hürde dieses Höllenritts ist Nehls anders angegangen als Robic. „Für mich war die Gelassenheit die größte Herausforderung.“ Lass es auf dich zukommen, lass die anderen kommen, lass lass lass, das ist Nehls Mantra. Schon im Februar, als er in den Bergen von Mallorca trainierte, übte er sich in Selbstzügelung. „Ich bin den Berg sozusagen mit angezogener Handbremse hochgefahren. Ich hätte schneller fahren können, aber ich wollte den Leistungspeak nicht überschreiten. Die Form hätte im Juni nicht wieder abfallen dürfen.“



Bei aller Gelassenheit: RAAM ist gefährlich. Viele haben aufgegeben und die Gefahr ist groß, dass man im Sekundenschlaf gegen einen Baum knallt. Am achten Tag, gegen 2 Uhr morgens, hat auch Nehls die Müdigkeit gespürt: Pennsylvania, er fährt auf die Appalachen zu. Stur geradeaus. 300 Kilometer Monotonie. Das stumpft ab. „Der Druck verringert sich, man lässt es einfach rollen. Ich habe nach Gründen gesucht, öfters mal vom Rad zu steigen. Pinkelpause, sich strecken. Gegen Mittag wurde es besser.“



Die Appalachen sind der Hammer zum Schluss. Giftige Anstiege mit 20 % Steigung. Hier kann Nehls seine Stärke zeigen, die er sich am Stohren antrainiert hat. „Die Pässe in den Rockys waren lächerlich dagegen.“

Und jetzt? Was macht man, wenn man sich seinen Lebenstraum erfüllt hat? Was kommt da noch, wenn man das alles erlebt hat, die Kälte in Neumexico, die Hitze der Steppen, das Überholen und Überholtwerden, diese 4800 Kilometer im Schweiß-Zeitraffer?

Nehls, der nicht mehr in Kilometern denkt, sondern in Stunden, sagt: „Ich will älter werden.“ Er will sich und der Welt beweisen, dass man noch als 70-Jähriger körperlich Herausragendes schaffen kann. Und davor will er, in zwei Jahren vielleicht, noch mal zum RAAM antreten. Und gewinnen.

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