"Mich langweilen diese Fragen zu Freiburg und diesem Lied": Interview mit Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow

Daniel Laufer

"Ich weiß nicht, wieso ich Euch so hasse - Fahrradfahrer dieser Stadt." So lautet eine Textzeile im Tocotronic-Song "Freiburg". Jetzt kommt die Band um Sänger Dirk von Lowtzow zum ZMF. Zeit für eine Aussprache:


(Fehl am Platz: Dirk von Lowtzow auf der Wiwili-Brücke - dank Photoshop)

Wie viele Touristen, schätzt Du, hast Du Freiburg in den letzten 20 Jahren gekostet?

Dirk von Lowtzow: Keine Ahnung, ich bin über das touristische Aufkommen in Freiburg nicht so informiert. Nach Freiburg kommen aber bestimmt auch viele Leute aus Norditalien, Frankreich oder der Schweiz. Vielleicht kennen die unser Lied ja gar nicht. Ich glaube, wir haben uns als Band da nichts vorzuwerfen.

Rocko Schamoni hat Freiburg ja neulich als „Wohlfühlstadt“ bezeichnet, „im Positiven wie im Negativen – und dann mal wieder Tocotronic zitiert: „Ich weiß nicht, wieso ich Euch so hasse – Fahrradfahrer dieser Stadt.“

Das Stück ist jetzt 22 Jahre alt. Es ist einen bestimmten Weg gegangen, ein paar Leute kennen es – insofern hatte es mit Sicherheit einen gewissen Einfluss.

Du besingst unter anderem Backgammon-Spieler. Das ist ja etwas aus der Mode gekommen. Würdest Du das Lied updaten: Was müsste da rein? Slackliner?

In diesem Sinne kann man Songs nicht updaten – das würde dann eine Art Kabarett werden. Als solches war es nie gedacht. Es ging nicht darum, „mit spitzer Feder Missstände humoresk zu geißeln“. Das Stück war ein Konstrukt und ich glaube, es hat seine Gültigkeit. Vielleicht ja auch nicht – das muss jeder Einzelne, der es hört, für sich entscheiden. Jedenfalls würde es nicht an Gültigkeit gewinnen, würde man darin jetzt verschiedene Sachen austauschen oder updaten.

Was sind das für Freiburger, die zum ZMF kommen, um ein Tocotronic-Konzert zu sehen – womöglich noch mit dem Fahrrad?

Eine ganze Fahrrad-Armee von wütenden Tocotronic-Gegnern? Das wäre lustig!
Wir spielen trotzdem gerne beim ZMF. Wenn ich ganz offen sprechen darf: Mich langweilen diese Fragen zu Freiburg und diesem Lied ein bisschen. Die kommen immer, wenn wir in Freiburg spielen und ein Interview geben (lacht). Es ist nicht das Originellste, was man fragen kann.

Wir haben das Lied vor 22 Jahren geschrieben – ich singe das auch immer noch. Es hat seine Gültigkeit, da es weniger von der konkreten Stadt Freiburg handelt, als von einem Gefühl der Vereinzelung und des Ausgegrenztseins. Das Gefühl ein Ufo zu sein und sich nicht integrieren zu können oder zu wollen. Ein sehr vertrautes Gefühl - damals wie heute.

Die Beziehung von Tocotronic zu Freiburg mag nicht von diesem Lied geprägt sein –aber die Beziehung von Freiburg zu Tocotronic schon. Wann man hier über Euch spricht, kommt grundsätzlich dieses Zitat. In Freiburg scheint das also schon aktuell geblieben zu sein.

Das verstehe ich gut, ist ein gutes Argument (lacht). Es ist einfach ein bisschen müßig, immer wieder darüber zu reden. Ich glaube, das Lied ist vielleicht deshalb so gut und hat die Zeit auch überdauert, weil es eine gewisse Rätselhaftigkeit hat. Man fragt sich, warum die Backgammonspieler oder das Tanztheater erwähnt werden. Sind das dämonische Geheimgesellschaften?

Wenn jemand dann beispielsweise aus Hannover nach Freiburg kommt und das Lied kennt, wird er vielleicht sagen: Stimmt, das ist ja wirklich alles genau so. Trotzdem bleibt ein gewisses Maß an Rätselhaftigkeit. Das immer weiter aufzudröseln, finde ich von uns als Band nicht richtig. Dass es in Freiburg vielleicht ein geflügeltes Wort ist, erscheint mir aber logisch.

Du hast damals in Offenburg angefangen, mit anderen zusammen in Bands zu spielen, offiziell zählt man Dich wohl zur Hamburger Schule. Du hast aber auch elektronische Musik gemacht – zum Beispiel mit Justus Köhnke, der aus der Kölner Ecke kommt und jetzt in Berlin lebt. Im musikalischen Sinn: Wo befindet sich denn da Deine Heimat?

Heimat ist ein Begriff, den ich nicht kenne und auch nicht anerkenne. Damit habe ich nichts am Hut. Natürlich kommt jeder Mensch irgendwoher, ich bin in Offenburg geboren, da leben meine Eltern. Aber Heimat? Das sind identitäre Konzepte, die mich persönlich nicht interessieren. Das ist so ein bisschen wie: „Was ist man überhaupt für ein Mensch?“

Dieses Konzept der Identität habe ich nie verstanden. Man setzt sich doch tatsächlich aus tausend verschiedenen Menschen und tausend verschiedenen Regionen zusammen. Das trägt und formt einen und ist das, was einen ausmacht. Da kann man nicht sagen, da gibt es einen Ort oder eine Eigenschaft, die einen charakterisiert.

Tocotronic - Freiburg (live)



Verlosung

fudder verlost dreimal je zwei Tickets für Tocotronic am Samstag, 4. Juli 2015 auf dem ZMF. Jeder der drei Gewinner erhält als Pack außerdem je ein T-Shirt (in den Größen L und XL) mit der neuen CD ("Das rote Album"). Um an der Verlosung teilzunehmen, schickt einfach eine Mail mit dem Betreff "Tanztheater", Eurem Namen und Eurer T-Shirt-Wunschgröße an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Donnerstag, 2. Juli 2015, 17 Uhr. Die Gewinner werden anschließend per Email informiert. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. T-Shirts und CDs können dann in der Redaktion abgeholt werden.

Mehr dazu:

Was: Tocotronic
Wann: Samstag, 4. Juli 2015, 20 Uhr
Wo: Zirkuszelt auf dem ZMF
Tickets: 32,70 Euro

[Foto: dpa Picture Alliance / Carlotta Huber, Montage: fudder]