Metalfest: Panzerfahrt mit Boltthrower

David Weigend

Die sich jeglichen Trends widersetzende Subkultur Heavy Metal ist lebendiger denn je. Zu diesem Fazit gelangt man als Besucher des Metalfests in Pratteln, das von Donnerstag bis Samstag vor 2000 Zuschauern jeglichen Alters über zwei Bühnen ging. Zuletzt hinterließen Boltthrower das Schlachtfeld Z7 als Sieger. Report mit Fotogalerie.



Da eine ausführliche Review aller 14 Bands, die allein am Samstag spielten, den Rahmen sprengen würde, hier erstmal ein paar Bandeindrücke in Twitterlänge:

  • Sucidal Angels: Slayerkopie
  • Dornenreich: Österreichische Ambient-Black-Metaller mit Geige; besonders in der Schweiz ein No-Go
  • Nevermore: Saitenhexer unter sich
  • Rotting Christ: So hört es sich an, wenn Griechen richtig sauer sind
  • Legion of the Damned: so schmeckt die Peitsche! die Niederländer tackern humorlos ihr Thrashbrett runter
  • Korpiklaani: Die lustige Mithüpfcombo für zwischendurch


Boltthrower

Um 0.15 Uhr, Sonntagfrüh, ertönen die Eröffnungsfanfaren der britischen Band Boltthrower. Die Fans, mit Schlamm an den Stiefeln, Ringen unter den Augen, Bier im Blut und Schmerzen im Nacken, strömen ein letztes Mal vor die Hallenbühne des Z7, um teilzunehmen an einem Gig, den man eigentlich nur noch als musikalische Schlacht bezeichnen kann.



Was in diesen 75 Minuten gespielt wird, ist Endzeitmusik. Von jeher, also seit 1986, geht es in den Texten von Boltthrower um Krieg, Krieg, Krieg. Um das Leid, das dieser hervorruft, um gefallene Soldaten auf dem Schlachtfeld.

Sänger Karl Willets verbringt seinen Urlaub vorzugsweise in der Normandie. Entspannung findet er beim Besuch von Militärmuseen, nachts liegt er gern im Schlafsack in der ehemaligen Landungszone an Omaha Beach, um sich zu Texten für Boltthrower-Alben inspirieren zu lassen. Auch das gibt es: Erklärte Pazifisten, die den Krieg als trauriges Sinnbild des Lebens begreifen und ihren Nihilismus konsequent vertonen: "In a World of Compromise, some don't", so die Devise des Quintetts.



Karl Willets (Gesang), Barry Thomson (Gitarre), Gavin Ward (Gitarre), Jo Bench (Bass, Foto) und Martin Kearns (Schlagzeug) beginnen ihre musikalische Panzerfahrt standesgemäß mit "IVth Crusade" und legen nach mit "Rebirth of Humanity": erbarmungslos, ohne Licht am Ende des Tunnels und voll bösartiger Durchschlagskraft.

Das Publikum ist entfesselt. Die Helden des Deathmetal donnern ein Mörderriff nach dem anderen ins Auditorium. Gegen die Energie, die Boltthrower freisetzen, wirkt ein Fessenheim-GAU wie eine müde flackernde Glühbirne.



Spätestens beim vergänglichkeitsfreudigen Soundkonglomerat "Cenotaph / Worldeater" wird's dann apokalyptisch: Die Briten fressen in fünf Minuten mal eben die Welt auf. Die Weltessensreste, die durch die Amps wabern, schmecken nach Asphalt, Blut und dem Dreck der englischen Straße. Herrlich!



Die fünf Briten machen mit "Anti-Tank", "Salvo" und "No Guts, No Glory" alles platt, was noch übrig ist und nicht genug hat nach drei Tagen Dauerbeschallung in Pratteln. Das tieftönende Kreuzfeuer, mal schleppend, mal im Kampfflieger-Tempo, bringt die Headbangergesichter zum Strahlen. Eine Riff-Artillerie "For Victory": Nach dieser Attacke, die mit der Hymne "Pride" siegreich endet, wünscht sich der Fan nichts sehnlicher, als den Nachfolger des 2005er-Albums "Those Once Loyal". Der war zwar schon im Kasten, wurde von der Band aber wieder, genau, plattgemacht. "Die Songs haben unseren Qualitätskriterien nicht ganz entsprochen", so Willets (Foto).



In einer Welt des Kompromisses gibt es einige, die keinen eingehen. Und das ist gut so.

Mehr dazu:


Galerie: David Weigend