Metalfest in Pratteln

David Weigend

Nacken lockermachen und Patronengürtel raus: Aus allen Himmelsrichtungen pilgerten Metalfans am vergangenen Freitag nach Pratteln bei Basel, um den Helden der Szene zu huldigen. Wir auch. Spätestens bei Morbid Angel war es um uns geschehen.



Marduk

Marduk heißt ein farbloses Gel zur Aknebekämpfung. Marduk nennt sich auch eine schwedische Blasphemiekapelle, die den ersten Höhepunkt beim Metalfest im Z7 darstellt. Was die Namensgleichheit betrifft, könnte ein Zuschauer Folgendes vermuten: Die Bandmitglieder haben ein Hautproblem, das aus übertrieben dick aufgetragener, weißer Schminke resultiert.

Ist natürlich Quatsch. Die vier kleinen Nachtgespenster stylen sich nur, wie es sich für ihr Genre gehört. Brutal. Frontmann Mortuus röchelt Krematoriums-Gassenhauer wie Burn my Coffin in die Halle, begeisterte Zuhörer recken als Zeichen des Wohlgefallens ihre Patronengürtel in die Luft.



Als die Beelzebuben Hits wie Azrael und Fistfucking God's Planet spielen, werden die Reaktionen im Publikum schon grotesker: man produziert vereinzelt Seifenblasen, was eher zu einem Konzert von DJ Bobo gepasst hätte. Aber Metalfans, gerade die extremen, das wird häufig unterschätzt, haben oft einen Sinn für Humor. Und Mortuus sehr viel Echo im Mikrofon. Angenehm: durch eine Lärmbegrenzung wird es nie viel lauter als 100 Dezibel in der Halle.



Kataklysm

Die Umbaupausen zwischen den Gigs nutzen die Besucher des Festivals zum Essenfassen. Besonders beliebt sind im Freiluftimbiss des Z7 die Klöpfer mit Pommes für 10 SFR. Draußen stürmts und ein Snacknachbar an der Frittenbude erklärt uns, was Klöpfer sind: „Würste, die alle möglichen Fleischabfälle enthalten, die der Metzger so finden kann. Aber wir Schweizer lieben das.“ Mmh, schmecken wirklich gut die Dinger. Der Klöpferkenner heißt übrigens Raphael Fuhrimann, ist Dachdecker und Gitarrist bei der Niederbipper Deathmetalband Dawn of Torture.



Raphael sagt, der Ruf der Deutschen in der Schweiz, besonders unter Handwerkern, sei weitaus besser, als uns das die Schweizer Boulevardblätter Glauben machen wollen. Darauf ein Eichhof Lager! Raphael darf trinken, sein Kollege mit dem Dying Fetus-Shirt muss nachher fahren und nüchtern bleiben.

Über dem freundlichen Plausch verpassen wir leider einen Großteil des Kataklysm-Auftritts, sind aber zum Smashhit Crippled and Broken wieder in den vorderen Reihen, was trotz voller Halle kein großes Problem ist. Das Publikum ist extrem relaxt. Wer moshen will, dem wird dazu Platz gewährt. Wer in Ruhe schauen will, wird nicht angerempelt. Prattelner Höflichkeit. Und: Extreme Music for Extreme People.



Morbid Angel

Um 23.20 Uhr betreten die Götter des Death Metal die durch Tonband-Industrial unheilvoll geschwängerte Bühne des Z7. Allen voran David Vincent, 43, heute wieder mal in einem schwitzig-schwarzen Latexoberteil mit rotem Pentagramm auf der Brust. Davor geschnallt: sein Demonator-Bass. Links von ihm Griffbrettwizard Trey Azagthoth, dessen Gesicht in den folgenden 80 Minuten kein einziges Mal unter der schwarzen Lockenmähne zum Vorschein kommen wird. Ein introvertierter Freak, ein Hendrix, dem irgendwer ein umgedrehtes Kreuz in den Schädel gerammt hat. Hinten am Schlagzeug, das dem Rieseninsekt aus einem Horrorfilm ähnelt, sitzt Pete „Commando“ Sandoval.

Sein Tempo sprengt jede Metronomskala nach oben, jedenfalls in 50 Prozent der Songs. Aber eigentlich ist er noch faszinierender, wenn er langsam spielt. Dann kommt sein ganzer Nihilismus, seine ganze Verachtung gegen die Welt noch besser zum Tragen. Sando, die alte Thrashersau. Ihm reicht keiner das Wasser.



Morbid Angel setzen musikalisch um, was im Gehirn eines geistig Verwirrten vorgehen könnte, und zwar zu dem Zeitpunkt, als er vor dem Schaufenster des Waffengeschäfts steht und sich Gedanken darüber macht, wie er all die Peiniger um sich herum am schnellsten ruhigstellt. Es ist ein raffiniert gespielter Totentanz, der Sensenmann lädt zur Schnitterparty.

Die morbiden Engel sind in die Jahre gekommen, aber, verflucht, sie starren noch immer von Hass und Krankheit. Und man muss es ihnen hoch anrechnen, dass sie die unzugänglichsten Titel ihres Repertoires in die aktuelle Setlist aufgenommen haben, wobei der Schwerpunkt auf dem "Covenant"-Material liegt.

Die Zuschauer sind meistenteils begeistert. Während Vincent der Schweiß in Strömen von den Ellenbogen tropft, schleppen zwei Fans einen halb bewusstlosen Kollegen aus dem Moshpit, der es wohl allgemein etwas übertrieben hat. Beim nächsten Song kann er schon wieder lächeln, wenn auch kreidebleich.



Setlist Morbid Angel

01. Rapture
02. Pain Divine
03. Maze of Torment
04. Sworn to the Black
05. Neuer Song (Titel unverständlich)
06. Lord of all Fevers and Plague
07. Fallen from Grace
08. Chapel of Ghouls
09. Neuer Song
10. Blood on my Hands
11. Abominations
12. God of Emptiness
13. World of Shit (The Promised Land)