Metal Macchiato

Konstantin Görlich

Manchmal finden Flyer und Zielgruppe an merkwürdigen Orten zusammen, wie in diesem Fall, der sich an einem beinahe schönen Nachmittag am Münsterplatz zutrug. Eine schwer metallische Glosse über das verpappbecherte Freiburg.



In einer Stadt, die wie Freiburg im wesentlichen aus Klischees und deren Dekonstruktion besteht, sollte es einen eigentlich nicht wundern, die Situation war dann aber auf den ersten Blick doch ein wenig bizarr. Aber der Reihe nach. Wir befinden uns in einem hippen Kettencafé irgendwo zwischen Prenzlauer Berg und Mitte, das sich aber bedauerlicherweise nicht in Berlin befindet, sondern in der Freiburger Fußgängerzone. Das iPhone und ein sonderbares Mischgetränk aus Schokolade, Milch und Espresso vor mir strahlen fast noch mehr als das eine oder andere Stück Outdoorkleidung an und neben mir vor allem eines aus: Konformität.


Im Grunde genommen nur noch eine UMTS-Stick-Aktivierung vom in Berlin längst untergegangenen und folglich in Freiburg sich gerade entwickelnden Laptop-Macchiato-Prekariat entfernt verschwimmen mein Gegenüber und ich mit den anderen Gästen und der ganz in Kaffeebraun und Milchschaumweiß gehaltenen Dekoration zur Generation Pappbecher, der Avantgarde der koffeinbasierten To-Go-Gesellschaft. Die Superhits von 2010 und das Beste von heute.

Und dann das:

Irgendetwas muss mich verraten haben.

In Frage kommt hierfür eigentlich nur die Kombination aus mittellangem Haupthaar und nicht mehr neuwertigem, aber durchaus schwarzem Kapuzenpulli. Als einziger der Gäste erweise ich mich folglich würdig, den Flyer vorgelegt zu bekommen, der vor allem eines ist: ein Denkmal für eine jeden Photoshopfehler ungeschehen machende Kopiertechnik irgendwo zwischen leerem Toner und Kontrastanpassung auf Zufallswiedergabe. Freiburg wird jetzt also finster, denn Signum: Karg laden zum CD-Release. Ob wohl von der Sonne verwöhnter badischer Wein ausgeschenkt werden wird? Ihre beiden bei Myspace hinterlegten Songs verheißen jedenfalls Blackmetal wie man es sich vorstellt, wenn man keine Ahnung von Blackmetal hat.

Damit wird die andere angekündigte Metal-Combo automatisch zum Kontrastprogramm, denn Blutmond geben ausweislich ihrer MySpace-Seite - und hiermit schließt sich der Kreis - die koffeinhaltigen Heißgetränke einer großen, urbanen Caféhauskette als einen ihrer Einflußfaktoren an. Ihr Sound weist dann auch, um im Bild zu bleiben, eine in weiten Teilen deutlich milchschaumige Note auf. Ich hätte mir das fast gerne angehört, wenn ich denn nur Zeit hätte - und eine schwarze Outdoorjacke.  

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  [Bild 1: Fotolia]