"Menschen mit Handys auf Konzerten. Ich hasse Euch! Sehr."

Sarah Menne

Ihr kennt das. Irgendein Konzert. Auf der Bühne: die Band. Davor: die Smartphones des Publikums. fudder-Autorin Sarah Menne reicht's mit der dauernden Handy-Fotografiererei und -Filmerei. Ihre Botschaft an die Konzert-Handy-Fotografen- und -Filmer: "Verpisst euch von meinen Konzerten!"



Ihr nervt mich.
Da vorne steht jemand, der/diejenige serviert Euch seine Musik und sein Leben, das er/sie dort hineingegossen hat auf dem goldenen Tablett. Direkt, unmittelbar, nicht wiederholbar. Und ihr? Ihr steht dumm rum, versperrt anderen die Sicht, gebt dem Künstler/der Künstlerin nichts zurück außer einem beschissenen Handyblitz, weil ihr offensichtlich auch noch zu dumm seid die Grundfunktionen Euer Handykamera zu beherrschen.


Tanzt! Verfickte Scheiße. Singt Euch die Seele aus dem Leib! Bewegt Euch! Macht verfickte Scheiße IRGENDETWAS außer wie ein Baumstumpf rumzustehen und Eurem verschissenen Smartphone den Raum zu zeigen. Bringt der Person da vorne mal mehr Achtung entgegen, durch Euren Applaus, durch Euer Ausrasten, durch Euer Mitgerissen sein, durch die Energie, für die die Künstler nun mal auf der Bühne stehen.

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe Smartphones. Sehr. Ich werde vermutlich nie wieder ohne eins leben wollen. Ich leide, wenn es nicht bei mir ist. Als ich es einmal zu Hause vergaß, fragte mein Freund, wie das passiert sein konnte, schließlich würde ich doch auch nicht vergessen ohne Hose aus dem Haus zu gehen. (Ich bin der Meinung, auch das ist nur eine Frage der Zeit.) Ich liebe auch die Kamera an meinem Telephon, ich würde meinen Instagram-Account mit ins Bett nehmen, wenn er in irgendeiner Form materiell wäre. Ich fotografier fast alles damit. Sogar, wenn ich meine große Kamera dabei habe, wird noch schnell ein Bild mit dem Handy gemacht ums direkt in meine sozialen Netzwerke rotzen zu können, damit alle sehen was für eine geile Zeit ich gerade habe.

ABER! Wie ich eben erwähnte sind Konzerte unwiderrufliche, unwiederbringbare Momente. Nehmt sie doch bitte auch so mit. Lasst Euch doch mal berühren. Niemand will anschließend die verwackelte Scheiße mit schlechtem Sound sehen, die ihr auf Youtube hochladet.

Und warum ich mich so aufrege ist, weil ihr auch noch meint, dass die anderen, die tatsächlich wegen der Musik gekommen sind und nicht um ihren Freunden nachher ein beschissenes Video zu zeigen, auch noch auf Euch Rücksicht zu nehmen haben. Habt ihr noch alle Kassen am Schalter? Wenn ihr die Musik hören wollt, hört die Musik! Wenn ihr ein Video vom Konzert sehen wollt, kauft Euch die verfickte DVD. Wenn Eure Freunde das Konzert sehen wollen, SOLLEN SIE SICH KARTEN KAUFEN oder halt eben einsam sterben, wenn sie keine mehr bekommen haben. C’est la vie ihr Fotzen!

Und kommt mir jetzt nicht mit: Ja dann geh halt woanders hin. JA WOHIN DENN? Ihr und Eure scheiß Klone tummelt Euch doch überall im Publikum!

Seid ihr alle schon so retardiert, dass ihr nicht mal bei einem Konzert Dinge einfach auf Euch wirken lassen könnt? Müsst ihr immer alles durch den Filter Eures Displays bestarren? (Homo Faber lässt grüßen!) Muss ALLES, IMMER (mit) geteilt sein? Nehmt diesen einen Moment mit, saugt ihn in Euch auf, lasst Euer Leben davon beeinflussen und bereichern. Gönnt Euch selbst diese kurze Zeit der völligen Loslösung. Deswegen gehen wir doch da hin. Wir wollen das, was der Künstler auf seinem Studioalbum in uns ausgelöst hat, live verstärkt erleben. Dachte ich zumindest immer. Vielleicht ist ja auch meine Herangehensweise an Konzerte falsch.



Wenn ihr Fotos von den Konzerten wollt, dann geht auf die Homepage der Band oder des Künstlers, da ist quasi das BEST OF von Fotos und Videos versammelt. Oder auf die Homepage vom Veranstalter. Ich weiß ja nicht obs Euch hinter Euren Displays aufgefallen ist aber da rennt ziemlich häufig eine/r mit einer fetten, geilen Kamera rum, die dafür ausgelegt ist unter diesen beschissenen Bedingungen (ziemlich dunkel, teilweise ziemlich hell plus Bewegung) geile Fotos zu machen. Ich glaube kaum, dass Eure Fickscheißhandyfotos, die mit verrotztem Digitalzooom fabriziert worden sind, da mithalten können.

Ich bin sowas von gegen Gewalt, ich lasse mich gerade in Mediation und Gewaltfreier Kommunikation nach Rosenberg ausbilden und versuche das im ‘echten’ Leben anzuwenden. Aber bei Euch, da hab ich einfach nur Bock Euch mit beiden Knien in den Rücken zu springen und Euch mein Bierglas in die Fresse zu knüppeln.

Deswegen eine Bitte: VERPISST EUCH VON MEINEN KONZERTEN! Kommt wieder, wenn ihr erwachsen geworden seid, dem Künstler und den anderen Zuschauern Respekt zollen und Energie zurückgeben könnt und gelernt habt damit umzugehen, dass es unwiederbringbare Momente im Leben gibt, die auch eine Handykamera nicht zurückzaubern kann.

PS: NEIN! Ich meine nicht dich, der Du Anfang des Konzerts zaghaft ein Foto machst und das dann fix auf Facebook, Instagram oder Pixoona postet. Ich meine, wie immer, den Spacken neben Dir!

PPS: Ja, ich gönne Euch die kaputten Handydisplays. Sehr! Jedes auf einem Konzert zersplittert Display ist wie ein kleiner Triumph für mich!

Zur Person



Sarah Menne
ist 28 Jahre alt, hat ein abgeschlossenes Studium und vertreibt sich nun die Zeit bis zum Referendariat. In ihrer Freizeit hört sie gerne laute Musik, kuschelt sich an ihr Smartphone und bespaßt ihren Hund.

Mehr dazu:

[Bild 1 & 2: Daniel Fleig; Bild 3: Privat]