MeinNachbar.net: Der virtuelle Gartenzaun

Eva Hartmann

MeinNachbar.net will ein Internetportal sein, die die Vorzüge aller gängigen social networks in sich vereint: Eine auf Lokalbezug ausgerichtete Kontaktplattform für jedermann, unabhängig von Alter, Beruf oder Familienstand. Eva hat nachgeprüft, ob dieser noch ganz junge Service hält, was er verspricht.



Wie war das eigentlich früher, in jenen düsteren Zeiten, bevor das alltägliche Leben nahezu komplett ins Internet verlegt wurde? Was haben die Menschen damals gemacht, wenn sie die hübsche Dame aus dem dritten Stock oder den netten jungen Mann aus dem Nachbarhaus kennenlernen wollten? Wie geht sowas denn, so ganz ohne Internet?


Zugegeben: Diese Zeiten sind mittlerweile einfach zu lange her, als dass man sich daran noch erinnern könnte. Muss man aber auch gar nicht mehr, denn es gibt ja glücklicherweise jede Menge Internetplattformen, die einem das Leben abnehmen. meinNachbar.net ist in dieser Reihe eine ganz neue und gibt sich alle Mühe, ihren Teil zur Entsozialisierung des echten Lebens beizutragen.

Die Idee hinter meinNachbar.net ist zunächst so simpel wie gut: Anstatt das Konzept, wie die meisten anderen social networks auf konkrete Zielgruppen (Studenten, Hobbyfotografen oder Piercingfans) auszurichten, richtet sich diese noch ganz junge Kontaktplattform einfach konsequent an jeden. MeinNachbar.net will Beziehungen herstellen zwischen Gleichgesinnten jeder Alters- und Interessensgruppe, die in unmittelbarer Nähe wohnen und trotzdem noch nichts voneinander wissen.

Mit dieser Absicht kombiniert meinNachbar.net herkömmliche Community- features wie ausführliche Userprofile und Fotogalerien, Veranstaltungsplaner oder Locationtipps mit einem von GoogleMaps spendierten Kartenausschnitt der eigenen Stadt. Zusätzlich gibt es ein Forum und verschiedene Funktionen, die Einsicht in das soziale Leben der "Nachbarn" ermöglichen: Von ausführlichen Informationen über Familienmitglieder bis hin zu Angaben darüber, was man am vergangenen Wochenende gemacht hat - über all das kann man andere Nachbarn bescheid wissen lassen. 

Als Nutzer dieser Plattform kann man so bequem Leute aus der Umgebung, der gleichen Straße oder sogar dem eigenen Haus finden, deren Interessen auf Kompatibilität mit den eigenen prüfen und über die Plattform Kontakt mit ihnen aufnehmen. Singles können die "Hood" nach potenziellen Datingpartnern durchforsten, Familien nach Babysittern oder Ausflugsbegleitung suchen und Senioren eine Verabredung zum nächsten Tanztee klarmachen.

"Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit" sangen Tocotronic einst - und im Falle von meinNachbar.net möchte man hinzufügen: Zum Glück! Denn irgendwie wirkt das Angebot selbst in Zeiten von SecondLife tatsächlich irgendwie absurd: So hilflos, dass es eine Internetplattform braucht, um den Menschen auf der anderen Seite der Wohnzimmerwand kennenzulernen, möchte man nicht sein. 

So oder ähnlich scheint das auch die Freiburger Nachbarn-Community zu sehen: Zwar sind im Raum Freiburg gut 450 "Nachbarn" registriert, jedoch haben die wenigsten davon ihr Profil auch nur annähernd informativ ausgefüllt; Userfotos gibt es erstrecht wenige: Wirklich genutzt wird das Internetportal offenbar nicht. Auch die Rubrik "Lokalitäten" wurde noch nicht zum Leben erweckt - auf meinNachbar.net macht Freiburg noch einen ziemlich toten Eindruck.

Kritische Internetnutzer, denen derart auf die Preisgabe persönlicher Daten ausgelegte Web-Communities ohnehin unheimlich sind, werden beim Slogan von meinNachbar-net "Alle Nachbarn unter sich" nicht gerade Lust bekommen, auf einer weiteren Plattform noch mehr private Dinge zu veröffentlichen.

Die genauere Betrachtung dieses Services ernüchtert also eher. meinNachbar.net ging allerdings erst Anfang August online, und drei Wochen bieten nicht gerade viel Zeit, damit sich eine gute Community entwickeln kann. In anderen, wesentlich größeren Städten wie Berlin oder Köln scheint das Konzept etwas besser aufzugehen - zumindest gibt es hier, vermutlich etwa propotional zur höheren Zahl der Internetnutzer - um ein Vielfaches mehr aktive User.

Vielleicht sind die Freiburger aber auch einfach zu große Fans des "real life" und lernen ihre Nachbarn doch lieber an der Supermarktkasse oder am Briefkasten kennen. Die Alternative zu meinNachbar.net ist nämlich ebenfalls simpel - nur besser: Das nette Mädchen von obendrüber bei der nächsten Begegnung im Treppenhaus einfach mal freundlich anlächeln und zu einer Tasse Kaffee auf gute Nachbarschaft einladen.

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