Meine Wende

Lorenz Bockisch

20 Jahre Mauerfall, das heißt Rückblicke und Zeitzeugenberichten in allen Medien und Gedenkstunden allerorten. Auch auf fudder. Mitarbeiter und fudder-Quotenossi Lorenz Bockisch ging 1989 in Bautzen zur Grundschule und erzählt, wie er als Kind diese revolutionäre Zeit im Südosten der DDR erlebt hat.

Dass in diesem System etwas nicht ganz richtig sein kann, bemerkte ich zum ersten Mal 1987.

Ich war in der ersten Klasse, und der erste demokratische Akt meines Lebens in der „Demokratischen“ Republik stand an: die Wahl zum Gruppenratsvorsitzenden – eine Art Klassensprecher auf sozialistisch. Viele aus meiner Klasse wollten mich wählen. Doch unsere Klassenlehrerin, SED-Kader und Schwimmtrainerin, sagte unmissverständlich nein: Ich war nicht bei den Jungen Pionieren, weil meine Eltern das nicht wollten. Also war ich nicht wählbar. Punkt.


Immerhin kam ich in den zweifelhaften Genuss, der Wahl „beizuwohnen“, wie die Lehrerin es nannte. Ich saß still da an diesem Nachmittag im Hort, als meine Klassenkameraden per Handzeichen Susanne zur Gruppenratsvorsitzenden wählten – und war sehr beleidigt, dass ich nicht mal mitwählen durfte. Ich konnte es einfach nicht verstehen.

Bautzen, Bezirk Dresden.
Ja, genau das Bautzen mit dem bekannten Stasi-Knast. Im tiefsten Osten, im Tal der Ahnungslosen. Wir empfingen Westfernsehen nur bei einem von Norden heranziehenden Hochdruckgebiet, das Überreichweiten für das ZDF brachte. Das Erste war nie zu empfangen, daher die Abkürzung "Außer Raum Dresden.

Die friedliche Revolution kam in dieser Kleinstadt 1989 etwas später an –  als die Straßenschlachten in Leipzig, Dresden und Berlin schon geschlagen waren. Im Oktober gab es die ersten Podiumsdiskussionen in der Stadthalle „Krone“: Bürgermeister, SED-Kreisleitung und Vertreter von Parteien und Massenorganisationen stellten sich den Fragen Hunderter Bürger über Reisefreiheit, die schlechte Versorgungslage und die Behandlung der bei Demonstrationen verhafteten Menschen im Bautzener Gefängnis.

Zehn Mikrophone für die SED-Kader, drei Mikrophone im überfüllten Saal. Mitbekommen habe ich damals nur, wie aufgeregt meine Eltern von diesen Veranstaltungen wiederkamen. Ich merkte, dass etwas passierte, verstanden habe ich das alles erst viel später.

Die erste Montagsdemo fand erst am 6. November statt. Auf Schreibmaschinendurchschlagpapier – Kopierer waren kontrollierte Mangelware und in Zeitungen stand so etwas schon gar nicht – wurde die Nachricht verbreitet: „Treffen um 17 Uhr auf dem Hauptmarkt. Und bringt Kerzen mit“, erinnert sich meine Mutter.

Immer mehr Menschen demonstrierten von Woche zu Woche, so dass sich meine Eltern trauten, auch uns Kinder mitzunehmen. Trotzdem war Vorsicht oberste Mutter der revolutionären Porzellankiste: Stets ging nur ein Elternteil mit meinem Bruder oder mir zur Demo. Das andere Elternteil blieb zu Hause und stellte eine Kerze ins Fenster – als Vorsichtsmaßnahme und Warnzeichen, falls die auffällig unauffällig gekleideten Herren der Staatssicherheit doch einen Hausbesuch machen würden. Es war eine aufregende, aber auch angsterfüllte Zeit.
An die Kerze erinnere ich mich noch, den Grund erklärten mir meine Eltern erst später.

Bei meiner ersten Demo – immer noch gingen die Menschen mit Kerzen auf die herbstlichen Straßen – trug auch ich als kleiner Junge meinen Teil zur friedlichen Revolution bei. Der Demonstrationszug führte zur Bautzener Stasi-Zentrale, wo alle ihre Kerzen vor dem Gebäude abstellten – so auch ich. Die Fenster der Zentrale waren zwar dunkel, aber jeder wusste, dass viele Augen durch die schwarzen Scheiben nach draußen schauten. Dass die Leute in dem Gebäude immer noch sehr aktiv waren, bemerkte meine Mutter am nächsten Morgen kurz nach sechs Uhr auf ihrem Weg zur Arbeit, der sie dort vorbeiführte: „Alle Kerzen waren weg, kein Spritzer Wachs war zu sehen“, erzählt sie.



Die Wende nahm ihren Lauf mit der legendären Pressekonferenz von Günter Schabowski. Nachdem die ersten Zweifel über die Ernsthaftigkeit beseitigt und das verlängerte Urlaubswochenende organisiert waren, entschieden sich auch meine Eltern für einen West-Ausflug. Am 1. Dezember 1989, es war das erste Adventswochenende, fuhren wir in unserem Lada (eigentlich war es ein Жигули) nach West-Berlin, um uns die neue Reisefreiheit und das Begrüßungsgeld abzuholen.

In einer Sparkassenfiliale gab es nicht nur die begehrten 100 Westmark, sondern für jedes Kind auch ein Tütchen Gummibärchen. Und nach mehreren vergeblichen Versuchen, diese zu öffnen, zeigte mir eine freundliche Sparkassenangestellte einen Kniff – und schon war die Tüte auf. Meine erste kulturelle Technik im neuen System, und ich beherrsche sie bis heute.

Im Hertie-Kaufhaus beim Kurfürstendamm wurden wir von einer Verkäuferin gefragt: „Seid ihr auch von drüben?“ Verdutzt bejahten wir die Frage – schließlich waren wir doch gerade „drüben“. Aber es gab ein Matchbox-Auto geschenkt.

Vom Westgeld kaufte ich mir einen Walkman und eine Hörspielkassette mit Abenteuern von Dagobert, Donald und seinen Neffen, der Rest wurde gespart. Auf der langen nebligen Rückfahrt habe ich sie mehrfach gehört, denn es war Stau an diesem Montag in Richtung Süden. Auf dem Mittelstreifen stand ein brennender Trabant.

Es war nicht alles schlecht in der DDR? Doch.
Nur als Kind merkte ich das nicht. Ich hatte Freunde zum Spielen und Raufen, hatte sorgende Eltern. Es gab immer genug zu essen und Kleidung – mit guten Beziehungen und, wenn vorhanden, Westverwandtschaft auch ein bisschen mehr. Von fehlender Freiheit und Repressionen merkte ich als Kind nichts. Welche Umstände es aber machte, etwa ein einfaches Rumpsteak zu bekommen – von „Südfrüchten“ ganz zu schweigen – erfuhr ich erst deutlich später.

Nur Gruppenratsvorsitzender bin ich nie geworden, dafür aber einmal Klassensprecher ein paar Jahre später. So spannend oder einflussreich, wie ich gedacht hatte, war dieser Posten aber auch nicht.

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