Nach der Gruppenvergewaltigung

Meine Meinung: Wir müssen an der Utopie eines sicheren Nachtlebens für Frauen festhalten

Anika Maldacker

Der Diskurs nach sexuellen Übergriffen muss sich weiter ändern. Anstatt Victim Blaming zu betreiben, müssen wir auf dem Recht beharren, dass sich Frauen ganz ohne Angst im Nachtleben bewegen können müssen.

Für diesen einen Satz, den Freiburgs Polizeipräsident Bernhard Rotzinger dem "Spiegel" am Wochenende sagte, hagelte es Kritik. "Macht euch nicht wehrlos mit Alkohol oder Drogen", sagte er in dem Interview, in dem es um das Sicherheitsgefühl in Freiburg nach der Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigenvor rund drei Wochen ging. Der Vorwurf: Rotzinger betreibe mit seiner Aussage sogenanntes "Victim Blaming". Also dass er einen Teil der Schuld für die schlimme Tat auf das Opfer abschiebt, das mit einem anderen Verhalten die Tat hätte verhindern können.


Polizeipräsident Rotzinger, der den Fall wohl kennt, wie kaum ein anderer, sagt so einen Satz sicher nicht unüberlegt. Aber er weiß sicher auch, dass viele Frauen, nicht nur in Freiburg, damit aufgewachsen sind, Vorkehrungen treffen, um sich nachts sicher zu fühlen. Sie achten in den Clubs auf ihre Drinks, sie verlassen Bars in Begleitung mit Freundinnen, sie meiden dunkle, einsame Straßen, sie tragen nachts Pfefferspray griffbereit in der Hand. Das ist die Realität. Ein solcher Ratschlag verkennt diese Realität zum Teil.

Es darf keinen Platz in dieser Gesellschaft dafür geben, eine Mitschuld auf die Frau zu wälzen

Frauen sind es gewöhnt, Verhaltenstipps für das Nachtleben zu bekommen. Viele setzen sie um, wenn sie nachts das Haus verlassen. Einige verlassen abends gar nicht mehr das Haus, wenn man den Kommentaren auf Facebook glaubt. Natürlich klingt es vernünftig, sich nicht mit Alkohol oder Drogen wehrlos machen zu lassen. Polizeipräsident Rotzingers Rat mag gut gemeint sein, aber er tut, was viele in unserer Gesellschaft tun, wenn Frauen Opfer von sexualisierter Gewalt werden: er lenkt eine Teilschuld auf die Frau.

Das ist falsch. Keiner weiß, was passiert wäre, wenn… Unsere Gesellschaft muss davon wegkommen, eine Mitschuld für solche Taten beim Opfer, der Frau, zu sehen. Es lenkt die Schuld am mutmaßlichen Verbrechen vom Täter zur Frau. Das Verhalten der Frau ist keine Entschuldigung für das Handeln des Täters. Verbrechen geschehen, weil es einen Täter gibt. Auch Frauen müssen in einer freien Gesellschaft ein Recht auf Enthemmung haben – ohne angegriffen zu werden, wie in einem Kommentar auf Sueddeutsche.de beschrieben.

Wir brauchen die Utopie für ein sicheres Nachtleben für Frauen

Noch ist unsere Gesellschaft nicht so weit, dass es ohne Verhaltenstipps für Frauen im Nachtleben geht. Und vielleicht wird diese Gesellschaft nie so weit sein. Aber es ist wichtig, auf dieser Utopie zu beharren: Frauen sollen nachts in Clubs gehen dürfen, ohne ihre Getränke überwachen zu müssen. Frauen sollen nachts ohne Angst eine dunkle Straße langlaufen können. Frauen sollen nicht mit dem Finger am Abzug des Pfeffersprays durch die Stadt laufen müssen. Das Ziel dieser Gesellschaft sollte sein, bald ohne Verhaltenstipps auszukommen. Dazu gehört auch, den Diskurs zu ändern. Keine Schuld für sexuelle Übergriffe beim Opfer zu suchen, sondern beim Täter. Prävention ja, aber nicht nur bei der Frau, sondern auch beim Mann. Bei Kriminellen das Gesetz anwenden, Frauenbilder bei einigen Migranten oder Geflüchteten kritisch hinterfragen, den Tätern, die Frauen auf offener Straße belästigen entschlossen gegenübertreten – es gibt viele Ansatzpunkte und Raum für Diskussionen.

Keine Diskussionen sollte es darüber geben, wie eine Frau durch ihr Verhalten einen Überfall hätte verhindern können. Was naiv klingen mag, darf nicht als naiv bezeichnet werden. Die Forderung, dass Frauen das gleiche Recht auf Enthemmung und Rausch wie Männer haben, sollten wir immer wieder betonen und aufrecht erhalten. Wir müssen an der Utopie, dass Frauen sich ohne Angst und Bedrohung nachts draußen bewegen können dürfen, festhalten.



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