Meine Meinung: Wildes Knutschen in der Öffentlichkeit ist eklig

Hengameh Yaghoobifarah

Ob in der Straßenbahn, im Café oder an der Ampel: Knutschende Pärchen allenthalben. Aber Frühling hin, Hormone her: fudder-Autorin Heng kann Zungen nichts abgewinnen, die in anderen Hälsen stecken. Und findet wildes Knutschen in der Öffentlichkeit einfach nur ekelhaft:



Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Sache zu sehen. Die einfachste wäre diese: Der Frühling wird von Liierten als Einladung zum Manifestieren und Verbreiten ihrer Liebe interpretiert. Deshalb gehen sie beispielsweise in den Park, tun so, als säßen sie im abgedunkelten Schlafzimmer und knutschen sich die Lippen wund.


Weiterhin kann es sich um einen gesellschaftlichen Druck handeln, um äußere Einflüsse sozusagen: Wer hip sein will, krallt sich eine Partnerin oder einen Partner und zeigt dies überall. Ganz nach dem Motto „Mehr ist mehr!“ schenken sie sich an unangebrachten Orten ihre Zuneigung. Um ihre eindeutige Bindung zu verdeutlichen, geben sie sich überholte, kitschige Kosenamen wie „Schatz“, „Baby“ oder „Mausi“, sodass ja niemand auf die Idee kommt, es handle sich um platonische Liebe.

Vielleicht kommt die Inspiration auch aus unrealistischen Hollywoodstreifen und die Leute denken sich: „Wenn Sarah Jessica Parker auf einer Schaukel oder einem Auto zur Sache gehen kann, dann kann ich das auch.“

Und genau hier liegt der Irrtum: Nein! könnt ihr nicht!

Es gibt Dinge, die sind eine Frage der Ästhetik. Genauso wie man keine weißen Hosen zu weißen Oberteilen trägt, genauso wie man – und ich will hier keinerlei Pro-Ana-Propaganda machen – nur bauchfrei trägt, wenn man auch bauchfrei ist, genauso wie man mit vollem Mund nicht die Zunge ausstreckt, so schiebt man sich mitten auf der Straße auch nicht gegenseitig die Zunge den Rachen hinunter – vor allem nicht, wenn man keine Kontrolle über seinen Speichel oder andere Körperflüssigkeiten hat.

Eventuell gibt es noch ein paar Menschen, die sich durch ihre Freizügigkeit rebellisch fühlen oder als aufmüpfig wahrgenommen werden wollen, doch auch hier sei gesagt: Manche Gesichter können es sich nicht leisten in so obszönen Grimassen zu erstarren und es gib auch so etwas wie stummen Widerstand.

Einige werden sich nun fragen: „Das ist doch okay, Liebe ist doch etwas Schönes, die darf man doch zeigen!“ Natürlich darf man das. Make love, not war. Das heißt aber noch lange nicht, dass man beim „Liebe zeigen“ die Klasse verlieren muss. Noch ist der Seepark kein Festivalgelände, auf dem man sich gehen lassen kann, noch ist die Umkleidekabine keine Hausparty, auf der sowieso alle dicht und von jeder Wahrnehmung weit entfernt sind.

Ich bitte um ein wenig Rücksicht auf die Leute, die ihr Essen im Magen behalten, noch frühstücken gehen oder ihren Hasspegel auf Paare niedrig halten wollen. Lasst eure Zungen drin, bitte. Das sage ich nicht als verbitterter Single oder als prüde CDU-Wählerin, sondern als jemand, der sich eine ästhetische Umwelt wünscht und eben weiß, wann die Party vorbei ist.



Zur Person

Hengame Yaghoobifarah, 20, ist eigentlich ein Nordlicht und kam im Oktober 2011 zum Studieren nach Freiburg. Nebenbei schreibt sie als freie Autorin für fudder.de sowie SPIESSER und bloggt. Sie geht gerne anderen Leuten mit ihren Anti-alles-für-immer-Texten auf die Nerven und wartet teetrinkend auf die Reaktionen der angepissten Leute.
Damit lädt sie ihre negativen Gedanken ab und kann sich so auf mehr die Liebe in der realen Welt konzertieren - zum Beispiel, indem sie selbstgebackene Muffins verschenkt und Herzen zum Abreißen aufhängt.

"Meine Meinung"

Mit "Meine Meinung" will fudder Menschen eine Plattform bieten, um ihre Meinung zu einem Thema, das in Freiburg debattiert wird, dazulegen. Es handelt sich bei dem Beitrag um die Meinung des jeweiligen Autors, nicht um die der Redaktion.

Mehr dazu:

[Bild: © detailblick - Fotolia.com]