Meine Meinung: Warum ich nicht auf Facebook bin

Leonard Wölfl

Fast jeder ist auf Facebook. fudder-Praktikant Leonard Wölfl allerdings nicht. 28 Leute sind in seiner Klasse am Freiburger Friedrich-Gymnasium - und nur Leonard und ein Mitschüler haben keinen Facebook-Account. Warum der 15-Jährige das Social Network noch nicht mal ausprobieren will:


Fast jeder ist schon auf Facebook – so scheint es zumindest. Ich nicht. Denn ich will weder meine Zeit in ein Werbenetzerk investieren, noch darin meine persönlichen Daten einschleusen. Durch die enorme Datenmenge von Benutzerprofilen und Verhaltensmustern ist Facebook berühmt und beliebt – zumindest bei Werbefirmen. Und es gibt noch andere Gefahren – nicht ohne Grund warnen viele Organisationen, darunter die Gesellschaft für Informatik und mehrere Verbraucherzentralen, vor Facebook oder raten zum vollständigem Verzicht.


Ich bin einer von mittlerweile nur noch wenigen in meiner Klasse, die Mark Zuckerbergs Netzwerk nicht nutzen. Aber ich leide nicht darunter: ich habe zwar nur wenige Freunde, dafür aber gute.

Wenn Facebook ein freies Netzwerk wäre, dass nicht so extrem auf Gewinn aus ist wie das aktuelle Netzwerk Nr. 1, dann fände ich es nicht so schlimm, dass viele Leute, in meinem Alter, auch in meinem Freundeskreis, so viel Zeit in dem sozialem Netzwerk verbringen.

Für manche Leute ersetzt Facebook das echte Leben – traurig, wie ich finde. Es ist vielleicht kein hartes und schlimmes Leben, aber es ist ergebnislos und unnötig. Wenn man sich um seinen immensen Newsfeed kümmert und plötzlich einfach so einen ganzen Tag verbracht, ja, verschwendet hat, was hat man dann für einen Nutzen davon? Man denkt, man ist up to date, hat seine Beziehung gepflegt. Dabei ist man allein geblieben. Man hat Facebook einen fetten Gewinn beschert. Was daran schlecht ist? Was daran schlecht ist, dass Benutzerprofile gespeichert werden, dass personalisierte Werbung die User verfolgt und auch Scientology dort heimlich um Jugendliche wirbt?

Für viele User ist Facebook fester Punkt auf dem Tagesplan: Denn um immer aktuell zu sein, muss man ja möglichst oft, wenn nicht sogar immer online sein. Der Trend: on ist in. Sonst wäre das Netzwerk ja nicht „sozial“. Man bekommt also immer mit, was bei seinen Freunden passiert, und teilt ebenso sein Leben, gezwungen durch das Verhalten seiner Freunde, und zwar mit allen seinen Facebook-Freunden. Doch nicht nur Freunde bekommen mit, was man postet: Facebook sammelt Daten, wertet sie aus und verkauft benutzerabhängige Werbung, für die die Unternehmen ordentlich zahlen.

Anscheinend gibt es schon ein viele Leute, die Post-Privacy leben, also dem Datenschutz den Rücken gewandt haben und denen es nichts ausmacht, für Unternehmen völlig transparent zu sein.

Und das Schlimmste ist ja der riesige Datensatz, ein riesiges digitales Gehirn, das nicht nur aus einem Gedächtnis besteht, sondern auch aus vielen Algorithmen, die der Auswertung der Daten dienen. Facebook kann also beispielsweise meine Likes meine Freunde und mein Verhalten nicht nur in einer Datenbank zusammen mit meinem Namen abspeichern, sondern dieses auch anhand anderer Leute klassifizieren.

Das zeigt auch die soziale Suche „Social Graph Search“, die im Januar vorgestellt wurde. Mit ihr kann man Personen oder Facebook-Seiten aufgrund deren Eigenschaften suchen: Beispielsweise „Musik, die meinen Freunden gefällt“, „Personen, die gerne Fahrrad fahren und in Freiburg wohnen“, „Restaurants in London, in denen meine Freunde waren“ oder „weibliche Singles in meiner Stadt“. Klingt zweifellos praktisch, finde ich, allerdings würde ich nicht gerne aufgrund meiner Likes als attraktiver Schwuler gefunden werden, wenn ich das nicht angegeben habe. Auch Datenschützer schlagen Alarm.

Auch Scientology kümmert sich unter falschen Namen um Jugendliche: Der Landesverfassungsschutz NRWwarnte erst in dieser Woche vor Nebenorganisationen wie beispielsweise „Jugend für Menschenrechte“.

Das ist nur ein Beispiel für viele Gefahren in sozialen Netzwerken, besonders natürlich, wenn diese so populär sind wie Facebook. Eine andere sind die Spiele, die immer wieder in die Schlagzeilen kommen: Schon im SchülerVZ gab es sie, die kleinen Gelegenheits- und Aufbauspiele, die vom täglichen Login wie vom direktem Austausch mit Freunden auf derselben Plattform besonders profitieren. Diese Spiele führen nicht nur zu einem höherem Online-Bedürfnis, sondern locken auch mit In-Game-Käufen, die durch ihr hohes Suchtpotential das Spielen teuer werden lassen. Aktuell spielen 250 Millionen Nutzer regelmäßig auf Facebook, und diesen will ich mich sicher nicht anschließen!

Doch jüngste Schlagzeilen verraten: Junge Facebook-User wandern ab. Dagegen nimmt die Anzahl der Nutzer, die über 45 Jahre alt sind deutlich zu. Was aber wahrscheinlich nicht daran liegt, dass sich immer Nutzer die Datenverwendungsrichtlinien durchlesen - sondern dass Facebook allmählich wieder out, weil uncool wird – weil Eltern und Lehrer da jetzt auch sind.

Ein großer Teil der User weiß gar nicht, was mit ihren Daten geschehen kann. Facebook scheint zwar bemüht, das den Nutzern möglichst einfach zu erklären („Ob du nun eine Straße entlang läufst oder dich mit Freunden auf Facebook verbindest - es ist wichtig an einige zentrale Sicherheitsvorkehrungen zu denken.“) und sich in die Position des Benutzers hineinzuversetzen („Es kann anstrengend sein, in Bezug auf Technik immer auf dem neuesten Stand zu bleiben.“), aber ich glaube: 99 Prozent der Nutzer ignorieren die Verträge, die die Beziehung zwischen ihnen und Facebook regeln!

Es gibt vielfältige Gründe, weshalb ich nicht auf Facebook bin – natürlich wusste ich das alles noch nicht, als ich das erste Mal gefragt wurde, ob ich denn auf Facebook bin. Damals war ich auch, wie
alle anderen, noch zu jung, um mich auf Facebook zu registrieren. Aber: Ich will nochmal betonen, dass ich keinen großen gesellschaftlichen Verlust spüre. Auch wenn es vielleicht so klingt, als wäre ich ein freundloser Nerd.

Wie kann ich etwas überhaupt so ablehnen, ohne es vorher ausprobiert zu haben? Warum versuche ich es nicht mal selbst? Ich glaube auch, dass Facebook von der Idee her nicht schlecht ist, und allen Anschein nach auch wunderbar funktioniert. Sont hätte es nicht tausend Millionen Leute überzeugt. Wenn ich einmal einsteigen, alle meine Freunde adden würde und ohne Ende liken würde, wäre ich vielleicht auch überzeugt und gefangen. Doch das will ich mir nicht antun.

Zur Person

Leonard Wölfl, 15, hat ein c't-Abo und weiß, was ein Voxel ist. Er besucht zurzeit das Friedrich-Gymnasium und macht gerade ein Praktikum bei fudder.