Meine Meinung: Warum ich Bad-Taste-Partys scheiße finde

Hengameh Yaghoobifarah

90er-Trash-Mucke, Hawaii-Hemden, Atzen-Brillen: Seit 2007 erfreuen sich Bad-Taste-Partys in Freiburg großer Beliebtheit. Unsere Autorin Hengame Yaghoobifarah kann das nicht verstehen. Warum sie Bad-Taste-Partys scheiße findet:



Eines der Dinge, die ich am allermeisten liebe, ist das Verkleiden. Karneval war für mich allerdings nie eine Option, da es in Norddeutschland nicht gefeiert wird. In der Grundschule gab es ersatzweise noch einen Faschingstag, von dem ich seit der 5. Klasse nichts mehr mitbekommen habe. Halloween war meiner Zeit noch eines dieser amerikanischen Modetrends, die sich bei uns nicht durchsetzen konnten und nur auf Pro7 existierten, somit sind seitdem Mottopartys die Highlights meines tristen Lebens.


Ich mache mir über Kostüme viele Gedanken, will einerseits classy sein, andererseits auch etwas Besonderes, wie alle anderen Partygäste auch. Für Menschen, die sich bei solchen Events nicht verkleiden, ist kein Platz in meinem Herzen, ich verstehe nicht, wie man darin nicht aufblühen kann.

Jedoch gibt es eine Mottoparty, die mir weniger zusagt, um nicht zu sagen: die ich hasse. Es scheint in den letzten Jahren das gängigste, beliebteste, weil eben auch am weitesten auslegbare Motto zu sein: Bad Taste.



Auf den ersten Blick klingt das eigentlich mehr als sympathisch: Man kann sich so kleiden, wie man persönlich schlechten Geschmack definiert, einen Abend lang mal so richtig scheiße aussehen, zu miserabler Musik tanzen und ordentlich auf die Kacke hauen. Obendrein kritisiert man subtil seine Mitmenschen, indem man sich so kleidet wie sie.

Das setzt voraus, dass die Organisatoren die Vielfalt und den unterschiedlichen Geschmack berücksichtigen und sich auch mal selbst an die Nase fassen. Können Bruno Mars, David Guetta oder Flo-Rida schlechter Geschmack sein? Ja, verdammt! Und auch kleidungstechnisch gibt es verschiedene Sphären, in denen der Bad Taste schweben kann, vom Stereotypen des Straight White Girls, dem BWL-Typen oder dem Ultra-Hipster, der es einfach zu sehr versucht, sind keine Grenzen gesetzt.

Diese Vielfältigkeit war auf den meisten Bad-Taste-Partys, auf denen ich bisher war, leider nicht gern gesehen. Angefangen bei der Musik scheiterte schon das Motto, denn 90s Trash kann zwar schlechter Geschmack sein, doch ist schlechter Geschmack nicht nur 90s Trash. Hätte ich der Playlist, die dort läuft, einen Namen gegeben, so würde er „Alle Lieder, die ich hasse“ heißen. Ist das nicht Sinn einer Bad-Taste-Party?

Meine Antwort ist: nein. Musikalisch sollten zwar auch einige Titel à la „Rhythm Is A Dancer“ und „Everybody“ von den BSB (ein Guilty Pleasure, wenn ich ehrlich bin) dabei sein, aber auch die Abgründe der aktuellen Charts sollten kritisch betrachtet und integriert werden. Sollte es sich um die gängige Musik des Clubs halten, so ist diese Selbstironie für mich eines der besten Mittel, die Party zu retten.

Auch bei der Kleidung scheint es nur drei verschiedene Möglichkeiten zu geben, entweder man vermischt knallbunte Muster und Neonfarben, man zieht sich komplett asozial an (Jogginghose, Socken, Badelatschen, Unterhemd) oder man hat gar kein Konzept und trägt einfach irgendwas durcheinander, weil Bad Taste bekanntlich so individuell ist. In letzterem Fall ist es jedoch kein schlechter Geschmack, es ist gar kein Geschmack, es ist einfach nur scheiße.



Ich vermisse dort Mädchen mit Perlenohrringen, Longchamp-Taschen und Polohemden oder Typen mit hochgeklappten Kragen ihres pastellfarbenen Hemdes und weißen Hosen. Ich vermisse eine Imitation diverser Subkulturen oder wenigstens einen Muttersöhnchentypen mit Fleecepulli und Hochwasserhosen. Vor allem vermisse ich Leute in Multifunktionsjacken und Wanderschuhen, ich vermisse Vielfalt und Selbstironie.

Was mich allerdings am meisten aufregt ist das Tanzen. Wenn die Musik und das eigene Aussehen sowieso schon eine Beleidigung sind, warum tanzt man dann nicht so exzessiv und ausgelassen, als gäbe es kein Morgen mehr? Vermutlich, weil die Leute tatsächlich noch ein bisschen Würde behalten und irgendwie ganz gut aussehen wollen, denn schlecht aussehen wollen die meisten Gäste dort eigentlich gar nicht, bunte Kleidung hat noch nie hässlich gemacht, das ist lediglich Pseudo-Bad-Taste.

Und diese drei Dinge sorgen dafür, dass ich diese Art von Mottopartys hasse. Nicht, weil ich das Konzept und den Anspruch nicht mag, denn die beiden Dinge liebe ich im Prinzip sehr, es ist die Realität, die Umsetzung. Sie enttäuscht mich einfach.

Zur Person



Hengame Yaghoobifarah, 21, ist eigentlich ein Nordlicht und kam im Oktober 2011 zum Studieren nach Freiburg. Weil Adorno und Sontag nicht alles im Leben sind, bloggt sie nebenher und schreibt als freie Autorin für fudder.de, die tageszeitung und das Missy Magazine.

"Meine Meinung"

Mit "Meine Meinung" will fudder Menschen eine Plattform bieten, um ihre Meinung zu einem Thema, das in Freiburg debattiert wird, dazulegen. Es handelt sich bei dem Beitrag um die Meinung des jeweiligen Autors, nicht um die der Redaktion.

Mehr dazu:

  • Fotos: http://fudder.de titel=""> Bad-Taste-Party in der Mensa Institutsviertel (2013)
[Fotos: fudder-Archiv]