Meine Meinung: Warum es okay ist, während des Gesprächs aufs Smartphone zu schauen

Hengameh Yaghoobifarah

Immer mehr Menschen schauen mitten im Gespräch auf ihr Smartphone, checken, was gerade auf Facebook geht, und schreiben mal so eben eine SMS. Schlimm? Unhöflich? Verfall der Sitten? Nö, findet fudder-Autorin Hengame Yaghoobifarah. Und behauptet: Das nervt nur Leute, die noch granitblockartige Handys von gestern besitzen.



Seitdem der Besitz eines Smartphones nicht mehr nur Managern vorbehalten ist, haben rund 80 Prozent meiner Freunde ihr herkömmliches Handy durch einen internetfähigen Mini-Computer ausgetauscht.


Ich gebe zu, dass ich schon relativ früh umgestiegen bin und kann mich aus eigener Erfahrung an die Zeiten erinnern, an denen man sich geschämt hat, wenn man sein Gerät in Anwesenheit anderer auspackte – und sei es nur, um einen Anruf entgegen zu nehmen. Schuld daran war die Angst vor Vorwürfen à la: „Diese Apfeltelefone sind unmöglich, die Leute hängen wie Suchtis an ihnen!“

Mittlerweile scheint es normal zu sein, sein Smartphone vor sich auf den Tisch zu legen – egal ob in der Kneipe, in der WG-Küche oder in der Vorlesung. Und manchmal, da nimmt man sein Smartphone in die Hand, beantwortet Nachrichten, checkt die Lage in sozialen Netzwerken oder blättert durch seinen Kalender. Die einzigen, die es gegebenenfalls nervt, sind in der Regel diejenigen, die granitblockartige Handys mit monophonen Klingeltönen, winzigen Schwarzweißdisplays und Platz für maximal 50 SMS haben. „Ihr seid so abhängig von euren komischen Smartphones, das geht gar nicht“, verkünden sie gerne in einem erhabenen Ton. „Und außerdem ist das so unhöflich!“

Ein Luxus, den wir für selbstverständlich nehmen

Stopp. Sehe ich nicht so. Fangen wir mit der vermeintlichen Abhängigkeit an. Ich will nicht bestreiten, dass es tatsächlich Menschen gibt, die eine krankhafte Sucht haben, ich bezweifle aber, dass es auf den Großteil der Smartphone-Nutzer zutrifft. Wir verlassen uns vielleicht zu sehr auf die Funktionen unserer Geräte, sind in bestimmten Situationen ohne die Navigations-App oder Internetverbindung aufgeschmissen – aber nur, weil wir unsere Gewohnheiten geändert beziehungsweise den Möglichkeiten, die man im Jahr 2012 so hat, angepasst haben. Es ist ein Luxus, den wir für selbstverständlich nehmen, so wie es für manche Fleischesser normal ist, jeden Tag mindestens zwei fleischhaltige Nahrungen zu sich zu nehmen. Das ist vielleicht nicht gerade gesund, aber keine Sucht, sondern eine Gewohnheit – und maximal ein Mangel an Aufklärung.

Außerdem finde ich es nicht unhöflich mit dem Handy oder Smartphone zu spielen, während man in einer Gruppe sitzt und sich unterhält. Klar ist es nervig, wenn es den gesamten Abend lang so ginge, aber es schadet doch nicht, wenn man ein paar Minuten lang SMS schreibt oder durch seinen Twitter-Feed geht.

Erstens, weil es in Gruppengesprächen in der Regel nicht von Anfang bis Ende um intime, relevante oder weltverändernde Themen geht, sodass man zweitens auch gerne mal kurz abschalten kann. Jede Konversationsrunde hat ihre uninteressante halbe Stunde, die ich entweder produktiv mit meinem Smartphone oder – nach außen hin höflicher, weil nicht sichtbar – mit einem glasigen Blick und Fahrstuhlmusik in meinem Kopf überbrücken kann. Nur weil ich gerade zustimmend nicke, heißt es nicht, dass ich zuhöre, und nur weil sich das Facebook-Logo in meiner Brille spiegelt, heißt es nicht, dass ich es nicht tue. Wer behauptet, beides gleichzeitig sei nicht möglich, der labert. Vielleicht konzentriert man sich nur noch 90- und nicht 100-prozentig auf das Gespräch, aber das meiste kommt an.

"Ich kann abschätzen, wann es angebracht ist, eine SMS zu beantworten"

In Situationen wie dem klassischen Herzausschütten mit Tränen und Taschentüchern käme ich natürlich nicht auf die Idee, mit meinem Smartphone durch das Netz zu surfen, ich würde – von Notfällen abgesehen – nicht mal ans Telefon gehen, wenn es klingelt. Ebenso wenig spiele ich durch meine Kopfhörer Musik ab, während ich mich mit anderen unterhalte.

Ich kann einschätzen, wann es angebracht ist, eine SMS zu beantworten und wann nicht. Jede Person mit einem halbwegs funktionierenden Taktgefühl kann das. Deshalb sehe ich auch keine Gefahr darin, dass in Zukunft alle Gespräche von Smartphone-Benutzenden trivialisiert werden. Und seien wir ehrlich: Es sind die besten Freundschaften, in denen man sich auch mal fünf Minuten lang schweigend seinem Mediendrang hingeben kann.

Zur Person


Hengame Yaghoobifarah
, 20, ist eigentlich ein Nordlicht und kam im Oktober 2011 zum Studieren nach Freiburg. Nebenbei schreibt sie als freie Autorin für fudder.de sowie SPIESSER und bloggt. Sie geht gerne anderen Leuten mit ihren Anti-alles-für-immer-Texten auf die Nerven und wartet teetrinkend auf die Reaktionen der angepissten Leute. Damit lädt sie ihre negativen Gedanken ab und kann sich so auf mehr die Liebe in der realen Welt konzertieren - zum Beispiel, indem sie selbstgebackene Muffins verschenkt und Herzen zum Abreißen aufhängt.



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