Meine Meinung: Warum der Platz der Alten Synagoge so bleiben sollte, wie er jetzt ist

Georg Spoo

Palmen, Sandkästen, Fahrräder: Der Platz der Alten Synagoge ist momentan ein Provisorium. fudder-Autor Georg Spoo findet: Genau so muss der Platz bleiben! Warum er vom geplanten Designer-Platz überhaupt nichts hält:



Der Platz der Alten Synagoge, mitten in der Stadt, zwischen Universität und Theater, ist ein Glücksfall – gerade weil er eigentlich kein Platz im gewöhnlichen Sinne ist, sondern eher ein seltsam uneinheitliches Gefüge von Urban-Gardening-Experiment, provisorisch hingestellten Bänken und Palmen, Sandkästen, einer funktionslos gewordenen Straße, einem großzügigen Fahrradweg, Bürgersteig und Rasenfläche.


Und doch hat diese vielschichtige und widersprüchliche Konstellation eine sehr dichte und ganz eigene Platzatmosphäre. Der Reiz dieser Atmosphäre ergibt sich durch die Gelassenheit und Ungezwungenheit, die der Platz in seiner Offenheit und Unbestimmtheit bietet und durch die er alltäglicher Lebensort für Menschen unterschiedlichsten Alters und Hintergrunds geworden ist.

Es ist nicht verständlich, warum diese ungewöhnlich lebendige Vielfalt durch die Monotonie eines angeblich urbanen Platzes ersetzt werden soll. Weit davon entfernt, Sehnsüchte nach dörflicher Gemütlichkeit zu bedienen, löst nämlich der jetzige Platz am ehesten das Ideal der Urbanität ein: ein offener städtischer Raum, in dem die verschiedensten Menschen frei aufeinandertreffen können, um die Gegenwart miteinander zu gestalten.

Gestaltung und Belebung

Selbstverständlich ist der jetzige Platz unfertig, ein Provisorium. Aber gerade deshalb ist er zur Grundlage für ein gelungenes Stadtleben geworden. Städtische Plätze, Stadt überhaupt, bestehen nicht allein aus dem Baumaterial und dessen architektonischer Gestaltung. Vielmehr besteht eine Stadt wesentlich darin, wie in dieser Stadt gelebt wird.

Damit eine Stadt lebendig ist, muss sie selbstverständlich auch gestaltet werden. Gestaltung darf aber nicht als ein einmaliger Akt verstanden werden, der aus semi-öffentlichen und exklusiven Orten – dem Rathaus, Projekt- und Architekturbüros – heraus den Stadtraum anfertigt, ihm also eine endgültige Gestalt gibt, die dann von den In-der-Stadt-Lebenden, als unveränderliches Faktum hingenommen werden muss.

Stadtgestaltung im weiteren Sinne ergibt sich viel eher daraus, wie die Menschen in einer Stadt leben: Stadtgestaltung muss als Belebung, also als ein eminent politischer, öffentlicher, sozialer und kultureller, als ein offener und wandlungsfähiger Prozess verstanden werden. Nur Gestaltung in diesem tieferen Sinne macht Bauwerke, Plätze, Flächen und Räume erst lebendig und damit auch erst wirklich.

Offene Architektur: Politische Ästhetik und ästhetische Politik

Ein einmal angefertigtes Gebäude, das jeder späteren Aneignung widersteht, wirkt nämlich auf eigenartige Weise unwirklich. Die architektonischen Gestalten einer Stadt sollten daher für die Menschen offen sein und damit weiter gestaltet werden können.

Freilich heißt das nicht unbedingt, dass Menschen in die Bausubstanz eingreifen, aber in jedem Fall durch alle anderen Weisen der Bezugnahme, etwa durch ihre Blicke, ihren praktischen Umgang und Gebrauch, durch Re- und Entfunktionalisierungen gemäß ihrer spontanen Interessen und unvorhergesehenen Bedürfnisse, durch die Deutungen, Stimmungen und die Atmosphären, die sie einem Gebäude geben.

In offener Architektur, die diese Bezüge zulässt und aufnimmt, sind politisch-demokratischer Gebrauchsanspruch und ästhetische Bedeutungsdimension kein Widerspruch. Vielmehr erwächst aus dem Gebrauch eine auch ästhetische Bedeutung und ästhetische Bedeutung wiederum schafft Freiräume, die auch politisch aufgeladen sind. In offener Architektur ist die Stadt nicht von den Menschen abgeschlossen, sondern sie sind in ihre Gestaltung einbezogen.

Im Rahmen dieser unverfälschten Urbanität ist Ästhetik mehr als das bedeutungslose Oberflächendesign von Dingen, sondern entfaltet eine fast metaphysische und daher sinnvolle Tiefendimension in einer durch das Leben der Menschen dicht aufgeladenen Atmosphäre: Sie entfaltet den genuinen Charakter eines einzigartigen Ortes, an dem sich ästhetischer und demokratischer Anspruch gegenseitig ergänzen.

Gebaute Entfremdung und gelungene Urbanität

Architektur, die sich hingegen in selbstgenügsamen und hermetischen Formen gefällt, ist Ausdruck einer tieferliegenden politischen und gesellschaftlichen Entfremdung und verstärkt sie. So wie der Blick an der Glasfront der neuen Universitätsbibliothek, rutscht das konkrete Leben auf der glatten Oberfläche von fremd gewordenen Institutionen haltlos weg: Die städtische, soziale, politische und kulturelle Lebenswirklichkeit bietet keine Ansatzpunkte, sie mit dem eigenen Alltagsleben in Verbindung zu bringen, sondern sie wird als ein fremder Bereich verstanden, der mit der eigenen Existenz nichts zu tun hat und daher sinnlos wird.

So ist das auch mit der geplanten Konzeption für den Platz der Alten Synagoge. Der jetzige Platz bietet mit der Garten- und Wiesenfläche Nischen, Ecken und Verwinkelungen, die den Aufenthalt leicht machen, ohne ein Verhalten vorzugeben. Sein provisorisches Arrangement funktioniert nicht für sich selbst – gerade deshalb braucht es den Menschen. Weil der Platz die eigene Vorläufigkeit signalisiert, ist er ein inklusiver, offener und unbestimmter Ort. Man kann in Ruhe ein Buch lesen, man kann Diskussionen führen, malen, gemeinsam Mittagessen, ein Theaterstück aufführen, eine Demo abhalten, man kann sich unterhalten, in die Sonne legen, nichts tun und ebenso laut sein und Bier trinken.

Der geplante Platz jedoch ist eine abweisende, sterile, glatte Fläche. In seiner Reinheitsästhetik funktioniert der geplante Platz selbstgenügsam für sich und braucht keine Menschen auf ihm um sein Konzept zu erfüllen. Vielmehr weist er sie in seiner inneren Geschlossenheit von sich – Ästhetik und demokratisches Leben befinden sich im Gegensatz. Seine Wirklichkeit bleibt abstrakt und leblos und daher surreal-unwirklich. Der geplante Platz ist eine Lauffläche, über die man nur hinweghetzen kann.

Soll das der städtische Raum sein? Nur der Weg zur Arbeit, zur Uni, zum Kaufhaus und zur Bahn, also eine durch Funktionalität, Flexibilität und Effizienz geformte Benutzeroberfläche für Studierende, Beamte, Angestellte, Konsumenten? Oder soll er Lebens- und Gestaltungsfläche sein, also ein offener und freier Raum nicht nur für den Studierenden, den Beamten, Angestellten und Konsumenten, sondern für den ganzen Menschen?

Zur Person


Georg Spoo
studiert Philosophie an der Uni Freiburg. Für ihn ist Philosophie nicht nur akademische Disziplin, sondern auch eine Weise, die Welt reflektiert zu erfahren. Neben Philosophie ist er begeistert von Natur, Kunst und politischen Fragen.



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