Meine Meinung: Warum das Anti-Smartphone-Video "Look Up!" völliger Schrott ist

Konstantin Görlich

Das Video "Look Up" geistert durch Facebook und Twitter. Es will uns vermitteln, dass soziale Medien einsam machen und wirbt dafür, sich vom Smartphone zu verabschieden. Warum fudder-Autor Konstantin Görlich davon überhaupt nichts hält:



Mit “Look Up” wird mir schon den ganzen Tag immer wieder ein Video viral in die Timeline gekackt, das an manipulativer Verlogenheit kaum zu überbieten ist. Kein Milligram Adrenalin ist vergeudet, sich über diesen Julia-Engelmann-Poetryslam-gewordenen iPhone-Werbespot furchtbar aufzuregen.


Gary Turk ist der Protagonist, Brite und ein Dichter. Dicht muss er auch gewesen sein, als er Idee und Text des Videos hervorbrachte. “Ich habe 422 Freunde, und bin trotzdem einsam.” eröffnet er halb anklagend, halb mahnend, sodass man ihm schon nach wenigen Sekunden “Dann machst Du wohl irgendwas falsch!” entgegenbrüllen möchte. Doch dazu kommt es nicht, denn was folgt, ist ein melancholisch gemeinter, von nervigem Gitarrengedudel besudelter 5-Minuten-Streifen, der eine einzige Botschaft haben will: Look Up - Schau auf! Vom Smartphonedisplay, natürlich, auf die Menschen um dich herum.

Selten war Technologiekritik attraktiver verpackt. Und selten kam sie einfältiger daher. Da wird doch allen Ernstes noch im Jahr 2014 die vermeintliche Spaltung in digitale und analoge Realität wieder ausgegraben, diese beiden Planeten, die angeblich rein gar nichts miteinander zu tun haben. Und natürlich ist die alte, analoge Welt die bessere. Müssen wir jetzt wirklich Kathrin Passigs Standardsituationen der Technologiekritik von 2009 (!) zu Rate ziehen?



Oder sind wir schlau genug, gelernt zu haben, mit dem Internet im Allgemeinen oder den sozialen Medien im Speziellen umzugehen? Turk jedenfalls ist alles andere als schlau genug. Er glaubt sogar, dass sich früher, bevor es Funktelefone gab, fremde Menschen an Haltestellen und in Bahnen miteinander unterhalten haben, wo heute nur noch Stille herrscht. Anscheinend leidet er zu allem Überfluß auch noch unter einer Art Postingzwang, denn er fordert:

“Be there the time you don’t have to tell hundreds about what you’ve just done, because you want to share this moment with just this one.”

Wir sollen dabei sein, in dem Moment, in dem wir nicht Hunderten mitteilen müssen, was wir tun, weil wir den Moment nur mit der Einen teilen wollen.

Ja Himmelherrschaftsakrament, dann teile ihn doch nur mit deiner Einen! Oder, um es mit Julia Engelmann zu sagen: “Das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen”. Klingt komisch, ist aber so.

Überhaupt, diese Eine! Die Frau, eine romantische Zweierbeziehung, so seine Message und Hauptteil des Filmchens, sei die Alternative zum Smartphone, es gibt nur entweder - oder. Als ob! Wer Apple Maps nutzt, statt nach dem Weg zu fragen, wird einsam sterben. Als ob! Wer aufs Smartphone schaut, bekommt die Gefühle seiner Mitmenschen nicht mit! Als ob! Fehlt nur noch, dass echte Briefe ja viel emotionaler sind als E-Mails. Als ob es irgendeinen Ersatz dafür geben könnte, für diese kleinen Nachrichten nach einem schönen Abend, genau im richtigen Moment genau die richtigen Worte hunderte Meter oder tausende Kilometer überwinden zu lassen, schlaf gut und schnell, danke fürs da sein,
Aber nein, Turk kann oder will zwanghaft nicht sehen, wie sozialmediale Vernetzung Menschen zusammenbringt, und sie nicht trennt, bis er sich zu der Zeile versteigt: “Give people your love, don’t give them your like!” DON’T GIVE THEM YOUR LIKE! Als ob sich das ausschliesst! Als ob das was schlechtes wäre! Aber bitte, ich gebe dem Video alles mögliche, aber ganz sicher nicht mein Like.

 

Look Up

Quelle: Youtube


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