Meine Meinung: Supermärkte, hört endlich mit der heuchlerischen Weihnachtswerbung auf

Andreas Braun

Jedes Jahr drehen unzählige Supermarktketten und Kaufhäuser mehr oder weniger aufwendige Werbespots, die mal mehr, mal weniger viral gehen. Weshalb die Werbevideos aber nur vollkommen unnötige Verkaufsvideos sind, erklärt fudder-Autor Andreas Braun.

Zunächst einmal kann ich beruhigen. Ja, ich liebe Weihnachten. Der Advent ist geprägt von alljährlichen, exzessiven Weihnachtsmarktbesuchen, stundenlangem Weihnachtsmusik hören und auch "Kevin - Allein zu Haus" wird fleißig geschaut. Dass Weihnachten allerdings nicht nur Familienfest und Haupteinnahmequelle von Tannenbaumplantagenbesitzern ist, ist auch großen Supermarktketten nicht entgangen.


Seit einigen Jahren sehen sich deshalb Edeka, Aldi, Lidl und Co. auch in Deutschland in der Rolle, besonders ergreifende und moralisierende Weihnachtswerbung zu schalten. Ganz nebenbei werden wir dabei auch dezent darauf hingewiesen, möglichst bald mal wieder Geld bei ihnen liegen zu lassen.

Künstliche Intelligenz kann auch gut sein – lebensmittelliebende Kunden aber noch besser

Wohl keine deutsche Supermarktkette schafft es hierzulande wohl leichter und schöner, seine Kunden zum Weinen zu bringen als Edeka. Unvergessen ist der #heimkommen-Opa, der inzwischen über 58 Millionen Zuschauer auf Youtube zum Weinen gebracht hat. Aber auch den Kindern konnte man im vergangenen Jahr #Zeitschenken. Nun hat sich die Marketingabteilung wieder etwas überlegt und bei dem Ergebnis würde selbst Disney Pixar neidisch werden.

EDEKA Weihnachtsspot "Weihnachten 2117"



In der diesjährigen Weihnachtswerbung wurde #heimkommen einfach mit WALL E und R2D2 gepaart. Fast vier Minuten lang dürfen wir einem einsamen Roboter durch eine von Menschen verlassene Großstadt folgen. Der gefühlvolle Roboter ist auf der Suche nach dem Weihnachtsfest und wird letzten Endes von einer Familie in ihr "Gartenhaus" zum Weihnachtsessen eingeladen. Die Lehre: Künstliche Intelligenz ist also doch gar nicht mal so schlecht wie alle sagen und lebensmittelliebende Kunden sind noch viel besser!

Das ist traurig für den Roboter, ebenso traurig aber auch für uns, wenn wir direkt nach dem Schauen des Spots zur Überzeugung gelangt sind, dringend mal wieder im Supermarkt Geld auszugeben. Mit so einer gekonnten Produktplatzierung drückt das nicht nur gewaltig auf die Tränendrüse, sondern auch auf den Geldbeutel.

Immer dieselben, niveaulosen Weihnachtsgeschichten

Was macht das Rezept von besonders trauriger, herzergreifender und klickgeiler Weihnachtswerbung also stets aus? Anscheinend sprechen wir Konsumenten vor allem auf einsame, oft alte – bei Rewe auch mal junge – Männer an, die von ihren Liebsten getrennt sind und sich inmitten eines Generationenkonflikts wiederfinden. Für Werbeprofis scheint es wohl unmöglich zu sein, dass Frauen allein sein könnten.

Um die Spots zudem auf BuzzFeed-Niveau zu halten und die Zuschauer und Kunden nicht intellektuell zu überfordern, braucht es aber auch des Öfteren die Zutat von süßen Kindern, Pinguinen, Hunden und natürlich Katzen. Auf diese Art von Werbung lässt sich einfach verzichten. Sie bringt den Supermarktketten nichts als falsche Sympathie und noch viel wichtiger: Geld.

Sollten die Kurzfilmchen zu Weihnachten aber doch etwa tiefsinniger sein als sie auf den ersten Blick wirken? Erklären uns moralisch einwandfreie Supermarktketten, wie kaputt die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts in Teilen ist? Die Jungen sind überarbeitet, vergessen ihre Großeltern oder diese werden beinahe für Tod erklärt. Doch auch dafür scheinen die Unternehmen eine Lösung zu haben.

Zum Glück kann man gemeinsam Geld ausgeben, sich ein lachendes Paket bei Amazon bestellen, das dann – sofern der Postbote denn will – auch noch pünktlich die "supernormalen Weihnachtswesen", auch Menschen genannt, aus der Lidl-Werbung erreicht.

Nicht Filmen, sondern Machen

Traurig, dass Weihnachten scheinbar ganz selbstverständlich zu einem Fest der Wirtschaft und der schönen Bilder verkommt. Supermärkte, hört also auf, uns jedes Jahr aufs Neue dieselben heuchlerischen Weihnachtsgeschichten zu präsentieren, an denen wir uns schon sattgesehen haben. Wie wäre es stattdessen mit dem Unterstützen sozialer Projekte? Dafür braucht es keine großen Worte und Bilder, aber Taten.

Statt aufwendiger Werbung könntet ihr und auch ebenso wir, die Kunden, wenigstens an Weihnachten einen Beitrag für eine Gesellschaft leisten, in der wir nicht jedes Jahr aufs Neue an unsere Menschlichkeit erinnert werden müssen.

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