Meine Meinung: Reißt das Holbeinpferd ab!

Martin Jost

Das Holbeinpferd sieht übel aus. "Abreißen und in der Mitte durchsägen" fordert fudder-Autor Martin Jost. Denn im Moment ist die Skulptur höchstens ein deprimierendes Denkmal für eine Zeit, in der Freiburg noch Ideen hatte.



Das Holbeinpferdle am Mittwoch: Hässlich. Wieder mal. Über einer weißen Grundierung ist braune Farbe an der Skulptur heruntergelaufen. War das Pferdle auf einem Holi-Festival? Ist das Design subtiler Protest gegen Taubendreck?


Dienstagnacht. Es ist kühl und neblig. Die Unterwiehre schläft. Die Künstlerin im Maleranzug, mit einem Tuch vorm Gesicht, verlässt ihr Versteck. Sie schleicht sich an das Holbeinpferdle an. Schaut sich noch einmal um, ob sie auch niemand ertappt. Sie taucht den Pinsel in die Farbe und legt auf das Pony an.

Da verlässt es sie. Eben noch ein warmes Kribbeln der Inspiration in allen Gliedern, auf einmal nur noch kalten Schauder. Ihre Idee wird der Künstlerin durch die Füße ausgesaugt wie aus einer ICE-Toilette. Kraftlos klatscht der Pinsel auf das Pferd. Ein bisschen irre und wie mechanisch verteilt sie Pigment über das Vieh. Aber es ist alles nichts. Nahezu erdrückt vom Gefühl absoluter Sinnlosigkeit schleppt sie sich nach Hause. (Szene von fudder nachgestellt. Es kann auch ganz anders gewesen sein.)

Das Holbeinpferdle ist durch

Sagen wir es, wie es ist: Das Holbeinpferdle ist am Ende. Nach Jahren des Bemalt- und Verkleidetwerdens ist es nur noch ein Symbol für das Umsonstige. 3.748.212 Farbschichten zeugen davon, dass Ideen irgendwann alle sind. Und dass jeder Künstler, der das Denkmal in der Vergangenheit umgestaltet hat, nach seinen 15 Minuten Ruhm übermalt wurde und alles umsonst war.

Es war toll solange es währte: Freiburg, Stadt mit großartiger Kreativendichte, duldet die Aneignung eines an sich belanglosen Denkmals durch die Bevölkerung. Das eigentliche Kunstwerk wird zum Rohling für Mash-Ups und Neues. Kunst im öffentlichen Raum wird zu Kunst durch Öffentlichkeit. Aus dem sachbeschädigten städtischen Eigentum wird ein Creative-Commons-Projekt, bevor es das Wort gibt.

Heute deprimiert uns das Holbeinpferdle. Früher war es zwischendurch auch hässlich, klar. Aber immer mal wieder gab es Anstriche, die von Mühe und Überlegung zeugten. Die Menschen hatten eine Message. Sie haben sich ein Design überlegt, Kostüme gebastelt, Schablonen geschnitten. So hat man das früher gemacht. Und dann war das Holbeinpferd ein Zebra, ein Schaf, eine lila Kuh oder wie von Christo verhüllt.

Die Zeiten sind vorbei. Die Ideen sind aus in Freiburg. Nicht mal für gut gemachte Dienst-nach-Vorschrift-Bemalungen à la „Saskia ich liebe dich“ reicht es mehr. Reißt das Ding doch endlich ab! Holbeinpferdle ist durch. Wenn man es in der Mitte durchsägen würde und ins Museum stellt, kann man es „Jahresringe“ oder so taufen. Die Abermillionen Farbschichten im Querschnitt symbolisieren dann, wie die Transpostmoderne den Glauben an unentdeckte, wirklich neue Ideen endgültig überwindet. Dann hätte uns das Holbeinpferdle wenigstens wieder etwas zu sagen.

Der Autor

Martin Jost unterhält eine Aufzuchtstation für seltene Meinungen. Er ist zwar nicht hier geboren, aber zum Freiburger geworden, bevor es cool war. Natürlich hat er schon mal das Holbeinpferdle bemalt.

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