Meine Meinung: Quentin Tarantino sollte aufhören, Filme zu machen

Christine Duttlinger

Im Western nichts Neues: Am 28. Januar kommt Tarantinos neuer Film "The Hateful Eight" in die deutschen Kinos - schon wieder ein Italo-Western. Unsere Autorin Christine Duttlinger erklärt, warum die Welt eine bessere wäre, wenn sie nicht mit einem weiteren Tarantino Film gestraft würde.



"Vielleicht, weil ich ein schlechter Mensch bin." Kiddo hat Tränen in den Augen. "Nein, du bist ein fantastischer Mensch – mein Lieblingsmensch", krächzt Bill, "aber ich muss gestehen, hin und wieder bist Du ein echtes Drecksstück". Bill grinst. Obwohl er weiß, dass er jetzt sterben muss. Im vorangegangenen Kampf hat Kiddo die Five-point-palm-exploding-heart-technique gegen Bill eingesetzt - gleich wird sein Herz zerplatzen.


So endet der Zweiteiler "Kill Bill" – Tarantinos fünfter Film. Seit Uma Thurman alias Kiddo sich im Jahr 2003 über die Leinwand gemordet hat, sind noch drei weitere Filme entstanden. Quentin Tarantino will nach zehn Streifen aufhören. "Regie führen ist etwas für junge Leute", findet er.

Ziemlich alt sieht er aus, finde ich.

Meine Meinung: Tarantinos Schöpferkraft ist schon jetzt aufgebraucht. Er wendet bloß die gleichen Stilmittel wieder und wieder an. Falls er doch Neuerungen wagt, sind diese aus dem Mainstreamkino geklaut. Wo ist er hin, der revolutionäre Stil des Tarantkinos? "You don't need proof when you have instinct", ließ Tarantino die Figur Joe Cabot in "Reservoir Dogs" sagen. Was aber, wenn der Instinkt abhandenkommt? Und was - und das ist noch viel schlimmer - wenn es niemand bemerkt?

Das Verderben fing mit dem schwarz-gelben Motorradanzug an, den Uma Thurman in "Kill Bill" trägt. Sie sieht aus wie eine Biene und metzelt Menschen. Das eigentliche Ziel: ihren doofen Ex-Mann Bill zu töten – was ihr 229 Filmminuten später gelingt. An sich wäre das nicht tragisch gewesen. Aber das, was Tarantino die Killerbiene am Ende tun ließ, bringt das Fass zum Über- und mich zum Weglaufen. Diese mordende Witwe kniet auf dem Badezimmerboden und heult. Flennt, weil Bill wohl doch ein ganz guter Papa für ihre Tochter war.

Dabei ist das Merkmal aller früheren Tarantino-Charaktere, dass sie cool sind. Eine Coolness, die heißt: gleichgültig gegenüber allen menschlichen Emotionen. Sie sind schwarz angezogen, tragen Sonnenbrillen und an der rechten Hand baumelt eine AK 47. Sie unterhalten sich wie in "Pulp Fiction" vor ihren Killereinsätzen über Fußmassagen und töten genauso gelassen, wie andere ein Glas Milch trinken.

Wen interessiert ob Jackie Browns Mutter Alkoholikerin war? Wenn sogar James Bond von seiner Kindheit belästigt wird, ist bei der kitschigen Effekthascherei irgendwann das Maß voll. Ich mag, dass Vincent Vega nicht mehr als ein Vollidiot mit Shotgun ist.

Tarantino ist im Mainstreamkino angekommen

Aber vielleicht ist das eine Begleiterscheinung der Blockbusterisierung, denn Tarantino ist im Mainstreamkino angekommen. "Reservoir Dogs" kostete noch 1,2 Millionen  Dollar, "Django Unchained" das Hundertfache. Damit verbunden: eine Tarantysterie. Auf einmal ist jeder ein Cineast. Meine Cousine ist begeistert davon, dass er analog dreht, obwohl sie keine Ahnung hat, was das bedeutet. Aber analog klingt lässig in einer digitalen Welt.

Dieser Hype belästigt auch in den Feuilletons. Die ZEIT beispielsweise wagte einen "unmöglichen Vergleich" zwischen "Pulp Fiction" und einer Studie des amerikanischen Philosophen Robert B. Brandoms mit dem Titel "expressive Vernunft". Dass das keinen Sinn ergibt, scheint egal: Die Augen der Leser leuchten so oder so bei dem magischen Wort Tarantino.

Tarantino murkst 90 Prozent seiner Charaktere ab, lässt die Hunde von Großgrundbesitzern Menschen zerfleischen und tötet in "Inglourious Basterds" Adolf Hitler. Tarantinos Werk hat eine Ästhetik der Gewalt populär gemacht. Er hat Anfang der 90er dem Betroffenheitskino den Krieg erklärt - und ihn gewonnen. Die Botschaft ist banal: zu morden wird als Lebensentwurf tragbar. Schluss damit, dass auf der Leinwand nur die Guten ein bisschen gute Gewalt einsetzen, damit die Bösen aufhören Böses zu tun. Danke dafür! Und das meine ich ernst.

Gewalt ist für Quentin Tarantino ein Stilmittel

Leider ist es 21 Jahre her, dass Tarantino Drehbücher wie "Natural Born Killers" oder "True Romance" schrieb. Heute ist die ästhetisierte Gewalt in Tarantinos Filmen genauso innovativ wie Staffel 19 der Power Rangers. Das Revolutionäre seiner Kultfilme ist zu irgendwas zwischen Achselzucken und Wegsehen wollen verkommen. Gewalt ist für Quentin Tarantino ein Stilmittel, das dazugehört wie zum Liebesfilm der Sonnenaufgang oder zur Schwarz-Weiß-Klamotte die Tortenschlacht.

"Aber Tarantinos Dialoge! Tarantinos Dialoge!", brüllt es jetzt wahrscheinlich von den vorderen Cinemaxx-Rängen. Und sie haben nicht mal Unrecht. Man denke nur an die Eingangsszene von "Reservoir Dogs": Acht knallharte Typen mit schwarzen Anzügen, schwarzen Krawatten und dicken Zigarren diskutieren über die Bedeutung von Madonnas Song "Like a Virgin". Das Resultat: Es geht eigentlich um große Schwänze. Inhaltlicher Mehrwert dieser Szene: 5. Spaßfaktor: 100.

Eigentlich sollten die Gangster aus "Reservoir Dogs" ihren nächsten Coup planen. Was haben große Schwänze und Madonna mit einem Banküberfall gemeinsam? Nichts. Und genau das gefällt: Die Dialoge sind kontextlos. Die Dialoge sind witzig. Jedes zweites Wort ist "Fuck" –  in "Reservoir Dogs" kommt das F-Wort 268 Mal vor. Aber warum erzählt in "Django Unchained" Jamie Foxx seine Lebensgesichte? Und das in es-ist-alles-so-furchtbar-traurig.

Tarantino ist ein Nachmacher

Wenigsten schreibt Tarantino die Dialoge selbst. Ansonsten ist er ein Nachmacher: fast jeder coole Move ist aus einem anderen Film geklaut. Bevorzugt zitiert er seine Lieblingsregisseure und ältere Genrefilme: Die erste Sequenz in "Jackie Brown" beispielsweise ist eine Hommage an "Die Reifeprüfung" – Dustin Hoffman fährt dort ebenfalls auf einem Laufband durch den Los Angeles-Airport und das Steak, das Vincent Vega in Pulp Fiction verspeist, heißt genauso, wie der Filmregisseur Douglas Sirk.

Jeder Tarantino-Film könnte "Krieg der Zitate" heißen. Tarantino hat früher in einer Videothek gearbeitet und schaute Filme wie Helmut Schmidt Zigaretten rauchte. Leider scheint er damit aufgehört zu haben – fast alle Streifen, auf die er verweist, wurden vor 1995 gedreht. Wen interessieren denn heute Trashfilme aus den Siebzigern? Tarantino darf nicht vergessen: Dieses Hütchenspiel der Filmverweise ist nur witzig, wenn es nicht immer die gleichen sind. "The Hateful Eight" ist schon wieder ein Italowestern. Und mal wieder mit Tarantino Liebling Samuel L. Jackson. Gääähn.

Es wäre eine bessere Welt, hätte Quentin Tarantino mit dem Ende von "Kill Bill" aufgehört, Filme zu machen. Der nächste Streifen wird die Kassen der Kinos fluten und Tarantinos Geldbeutel zum Platzen bringen. Der Regisseur selbst spielt in Reservoir Dogs den Gangster namens Mr. Brown – dessen Gehirn im finalen Ende weggeschossen wird.

Doch den cineastischen Kopfschuss kann sich die Geldmaschine Tarantino nur selbst geben. Man hätte die Vorzeichen sehen können: Bruce Lee trug in "Game of Death" 1978 den gleichen Bienenanzug wie Uma Thurman. Leider erlebte dieser die Fertigstellung des Filmes auf Grund seines vorzeitigen Todes nicht mehr.


Christine Duttlinger

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[Foto 1: dpa Picture Alliance / Montage: fudders Photoshop-Praktikant, Foto 2: Moritz Schulz]