Meine Meinung: Pünktlich sein ist nicht uncool

Leah Biebert

Pünktlich sein ist typisch deutsch und spießig? Im Gegenteil – es ist ein Zeichen von Höflichkeit und Respekt. Und alles andere als uncool, findet fudder-Autorin Leah Biebert.

Dass die Deutschen immer pünktlich sind? Ein beliebtes Klischee. Schon das ein oder andere Mal konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, als mich Freunde aus anderen Ländern darauf ansprachen. Man denke nur mal an die Deutsche Bahn! Oder an diese eine Person, die sicherlich jeder im Freundeskreis hat: Den ewigen Zuspätkommer. Nennen wir ihn im Folgenden der Einfachheit halber Godot.


Immer wartet man auf Godot – egal ob im strömenden Regen oder bei sengender Hitze. Platter Reifen, Vorlesung überzogen, Stau wegen einer Baustell...jeder kommt mal zu spät. Nur bei Godot fährt die Straßenbahn nie fahrplanmäßig, kommt immer noch ein ganz wichtiger Anruf rein. Alles gut, kein Stress. Ist doch kein Ding. Ist es dann aber irgendwann doch.

Warten auf Godot

Denn es ist den pünktlichen Leuten gegenüber unfair. Denen, die sich schonmal in die Schlange vor der Mensa stellen, die einen Platz im überfüllten Biergarten besetzen. Leuten, die anscheinend nicht ganz so vielbeschäftigt sind wie Godot. Die weniger locker und unkompliziert sind mit ihrer deutschen Pünktlichkeit, weniger cool als Godot, der uns inmitten seines ganzen Trubels irgendwann doch noch die Ehre seiner Anwesenheit erweist.

Eine Unzuverlässigkeit, die vor Überheblichkeit nur so strotzt – mit einer guten Portion Arroganz. Denn Godot hat es nicht nötig, sich an Vereinbarungen zu halten. Er diktiert, wann es losgeht. Und nimmt sich dabei einfach unsere Zeit.

"Pünktlichkeit alles andere als uncool. Denn sie zeugt von gegenseitigem Respekt."

Unpünktlichkeit ist eine (un)soziale Eigenschaft, für die sich keiner zu schämen scheint. Zumindest nicht, wenn es um Freundschaften geht. Denn zum Vorstellungsgespräch war Godot noch immer pünktlich. Aber da ging es ja auch um was, lag es nicht in seiner Hand, war Godot nicht derjenige, der den Takt angeben konnte. Und was macht das aus uns? Bodenständige Spießer, die man getrost warten lassen kann, die sowieso nichts Besseres zu tun haben? Die sich mal locker machen sollten und alles nicht so ernst nehmen?

Dabei ist Pünktlichkeit alles andere als uncool. Denn sie zeugt von gegenseitigem Respekt. Niemand möchte gern warten. Deshalb sehen wir zu, dass wir auch andere nicht warten lassen. Nicht Godot, nicht die Zuspätkommer sind diejenigen, die uns mit ihrer Anwesenheit beehren. Wir sind diejenigen, die so großzügig sind, uns die Beine für sie in den Bauch zu stehen. Und dafür einfach gerne mal ein Danke hören würden anstelle einer fadenscheinigen Ausrede.

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