Meine Meinung: Poetry Slam ist Wortkotze

Hengameh Yaghoobifarah

Alle lieben Poetry-Slam! Alle? Nicht ganz. fudder-Autorin Heng hasst dieses oft pseudo-tiefgründige Gefasel im immerselben monotonen Tonfall und hört nicht auf, den Sing-Sang-Gedichten Widerstand zu leisten:



„Und, wofür interessierst du dich so?“ – „Poetry Slam!“

Wer möglichst deep und artsy klingen wollte, schwärmte vor ein paar Jahren noch von diesem Dichter_innenwettstreit, diesem Poetry Slam. Immer wieder hieß es: „Die Jugend von heute, die ist doch ein Produkt des kapitalistischen Kulturverfalls! Toastbrot kann schimmeln, die Jugend kann nicht mal Politik!“


Aber das fand die Jugend™ eben nicht, also wurden lyrische und poetische Ausgüsse endlich wertgeschätzt und wer für’s Rappen zu langweilig (oder zu weiß) war, imponierte von der Bühne aus mit selbstgeschriebenen Texten. Mal witziger, mal melancholischer und mal politischer Manier.

So weit, so okay. Whatever floats your boat, heißt es so schön. Doch dann kam Julia Engelmann und dann kam dieses Gelaber über Generations-Pathos auf. Auf einmal bildeten sich alle Twenty-Somethings ein, einen Sinn in diesem Großen Ganzen zu sehen. Sie merkten ganz plötzlich, dass sie die Welt nicht durch ihre wöchentlichen Besuche im Berghain verändern werden. Oder sei es das Sisyphos, das Golden Gate, von mir aus auch Schmitz Katze.

Mit so einer Leistungsgesellschaftsattitüde werden große Ziele gesetzt, von denen später den Enkelkindern erzählt werden soll. Auf Medienelite und auch auf der Mädchenmannschaft wurde die privilegierte Perspektive von Engelmann kritisiert – auch als Remix!

Dass dabei noch ein Lied, so ausgelutscht wie ein alter Drops, zitiert wird, mit so kryptisch-seichten Zeilen wie „Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, werden wir alt sein...“, gibt meinem Gehirn den Stoß zum Super-GAU. All die Erinnerungen an besuchte Slams sprudeln hoch und verbinden sich zu Erbrochenem beziehungsweise Wortkotze, und sie wollen raus.

Diese monotone, imitierte Sprachmelodie. Diese schwammige Sprache und ihre Schlüsselbegriffe, so wie das durchlöcherte Herz, wie der bittere Schmerz der Einsamkeit, wie der vorantreibende Freiheitsdrang und nicht zuletzt auch Regenbogeneinhornkotze.

Und das Publikum, so leicht zu begeistern! Bei diesen niedrigen Standards frage ich mich, ob sie nicht auch Frauentausch als satirische Avantgarde-Dokumentation interpretieren würden. Für einen Text, der mich stark an den Songtext erinnert, den meine damals zwölfjährige Schwester und ihre damalige „Band“ über Drogensucht und Selbstverletzung geschrieben hat, gibt es locker-flockig 8 Punkte.

Diese Großzügigkeit motiviert wiederum andere drittklassige Hobby-Goethes dazu, ihre unwitzigen und oft auch sexistischen Texte aus dem tiefsten Loch der Unterwelt auszugraben und ihn mit gespielter Schüchternheit vorzutragen. Like, can you not???

Obwohl mittlerweile angekommen sein sollte, dass Poetry Slam nicht mehr der heißeste Shit ist, sprießen solche Veranstaltung trotzdem wie Pilze während der Freibad-Saison. Dann finden sie auch noch in romantischen Locations wie der Mensa statt und spätestens dann weißt du: Wie konnte es nur so weit kommen?

Es ist traurig, dass mich dieses Thema so sehr mit Hass füllt. Dabei könnte alles so schön sein. Im englischsprachigen Raum wird geslammt, wie noch nie geslammt wurde, so talentiert, so kritisch, so berührend. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass die Vortragenden dort mehr Street Credibility haben als die Germanistik-Studierenden mit Reihenhaus-Background hier in Deutschland.

Deshalb schließe ich mich dem Team #NoetrySlam an.

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[Foto: Max Schuler]