Meine Meinung: Oliver Rath ist total überschätzt

Fabienne Hurst

Oliver Rath wird als Freiburger Fotograf gefeiert, der es geschafft hat. Erfolg hin oder her, Kunst ist das nicht. Das findet zumindest fudder-Autorin Fabienne Hurst. Warum die Rath-Fotos von Waffen, Drogen und primären und sekundären Geschlechtsteilen sie langweilen:



Ich finde Oliver Raths „Kunst“ ordinär, geschmacklos und total überschätzt– auch wenn man für diese Meinung in Freiburg oft wie ein prüdes Alien angeschaut wird. Aber ganz ehrlich: Noch mehr als der Fotoblogger selbst, langweilt mich der Hype um ihn. Hört auf damit!

Seine Fotos sind pornografisch bis peinlich, seine Bildbotschaften so interessant wie eine Sex-Spam. Mal knabbert Rath ein Kreuz in einen Apfel und wünscht dem Buddhisten Steve Jobs eine gute Zeit im „Paradies.“ Mal knipst er sein Nackt-Model Leila Lowfire in einer Berliner Norma-Filiale, während sie sich eine Tüte Milch über ihren Körper schüttet.

Das Ganze nennt er, wer hätte es gedacht, „die Milch macht’s“, damit dann lüsterne Facebook-User so kompetente Kommentare wie „mein lieber Scholli“ darunter schreiben können. Leute, wo ist die Kunst?



Oliver Rath ist als Provinzkind nach Berlin gegangen, nachdem er ein großes, buntes, ungeheuer teures Buch von Nackedei-Spezialist Helmut Newton gefunden und darin seine Bibel entdeckt hat. Diese Anekdote erinnert mich irgendwie an die Methode neureicher Prolls im Weinladen, die einfach den teuersten kaufen und dann sagen: das ist mein Lieblingswein. Das Leben ist so einfach.

Dass Helmut Newton ein großer Künstler ist, wissen wir doch alle. Doch um seine geradezu schwindelerregende Bewunderung für good old Helmut auszudrücken, wird Rath sogar richtig fies: „Sogar Peter Lindbergh ist für mich ein Newton – allerdings ein schlechter.“ Weisste bescheid, ne?

Nun gut, über Oliver Raths Erfolg lässt sich nicht streiten. Sogar Karl Lagerfeld hat er schon vor die Linse gekriegt. Aber anstatt in den typischen Freiburger Nonstop-Applaus zu verfallen, frage ich mich: Warum zum Teufel? Für mich sind das öde konstruierte, vulgäre Fotos, für die Rath viel zu offensichtlich alles zusammen mischt, was potentiell schockiert. Wie ein lauwarmer Long Island Iced Tea aus Fotos: Hauptsache, es ballert. Selbst der größte Oliver-Rath-Kenner kommt bei seiner Argumentation für dessen Kunst über ein „es ist halt krass“ nicht hinaus. Langweilig.

Ein kleiner Junge mit ein paar Nackten im Wald, Schusswaffen und viel Penis - das ist Oliver Raths Geheimrezept. Aber wer will das denn noch sehen? Nach Larry Clark, Terry Richardson, Robert Mapplethorpe und meinetwegen auch Dash Snow? Wer hat denn im Jahr 2011 überhaupt noch Lust auf Schwänze in Schwarz-Weiß? (Also vorausgesetzt, man hatte überhaupt mal Lust darauf.)

Leute wie Rath lechzen so sehr nach Aufmerksamkeit, dass es diese mit allen Mitteln zu erreichen gilt - und seien sie noch so bescheuert. Wenn Nacktheit allein nicht mehr zieht, muss man eben den Schock-Koeffizienten erhöhen. Ich frage mich: Was kommt nach den nackten Nazis und den Penis-Pistolen? Hintern und Hackbraten?

Trotz der moralischen Quasi-Immunität durch seinen Künstlerstatus fühlt sich Rath von Zeit zu Zeit dazu genötigt, seine Bilder zu rechtfertigen. Dann enstehen Stilblüten wie „ich finde Nacktsein eben geil“. Solche Statements sind ungefähr so innovativ wie das Geständnis eines dicken Mädchens, das „Schokolade eben lecker“ findet. Alle finden Nacktsein geil, dafür wurde Nacktsein erfunden.

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  [Bild 1 & 3: Oliver Rath, Bild 2: Privat]