Meine Meinung: Lest Bücher im Original!

Nele Harms

Wer Bücher in der deutschen Übersetzung liest, lügt sich selbst an, findet fudder-Autorin Nele Harms. Warum sie Bücher nur in der Originalsprache liest und jeder das tun sollte:



Wer Bücher in der deutschen Übersetzung liest, lügt sich selbst an. Er bildet sich danach ein, das Buch gelesen zu haben. In Wirklichkeit aber hat er nur eine Kopie des Originals gelesen - und in der Regel noch eine schlechte.


Und genau deshalb ist es eine gute Idee, sich in seiner Buchhandlung etwas genauer umzusehen und statt zur deutschen Übersetzung einfach mal zum Original zu greifen. Viele Buchläden verkaufen vor allem englische Originaltexte - oft stehen ganze Regale voll.

Durchs "Originallesen" haben ich und auch viele meiner Freunde ihre Sprachkenntnisse und ihr Leseverständnis deutlich verbessert. Man kann sich dadurch Vokabular aneignen, das so nicht im Schulbuch steht. Auch die wahre Bedeutung einiger Textstellen wird klarer und man kann die Handlung viel besser verstehen. Bücher werden selten eins zu eins übersetzt. Der Übersetzer verändert die Satzstrukturen oft so, dass der deutsche Leser nur noch die grobe Bedeutung versteht.

Manchmal gibt es Wortspiele oder Besonderheiten in der jeweiligen Sprache, durch die es schwer fällt, einen Text exakt zu übersetzen. Oft verfälscht die Wirkung des Buches auch ein Titel, der in der deutschen Übersetzung ganz anders ist als im Original. Aus "The Hunger Games" wird "Die Tribute von Panem" - ein viel abstrakterer, unverständlicherer Titel. Selbiges gilt für den Briefroman "The Perks of Being a Wallflower": Daraus wird im Deutschen "Vielleicht lieber morgen" - eine Übersetzung, die mit dem Sinn des Buchs wenig zu tun hat.

Die Übersetzung verändert die Bedeutung

Selbst Namen verändert der Übersetzer manchmal - sie verlieren dann ihren originären Klang. Aus "Hermione" im Harry-Potter-Original wird der altdeutsche Name "Hermine", aus dem klangvollen "snitch" ("Spitzel") wird das fade, bedeutungslose "Schnatz".

Für Menschen, die Probleme beim Lernen von Sprachen haben, gilt: Gebt nicht auf! Selbst wenn ihr immer wieder über Wörter stolpert, die ihr gefühlte zweihundertmal nachschlagen müsst. Das ist eine super Geduldsübung! Und ihr verbessert euch: Hier mal ein bisschen mehr verstanden, dort den richtigen Gebrauch eines Wortes gelernt.

Mitunter trägt das Lesen von Originalen sogar dazu bei, ein tieferes Kulturverständnis zu gewinnen: Wie drücken sich die Engländer in einer bestimmten Situation aus und was sagt uns das über ihre Kultur? Haben sie möglicherweise mehr Wettervokabular als wir Deutschen, weil es bei ihnen mehr regnet? Man lernt verschiedene Umgangsformen kennen und die Sprache in ihren vielen Facetten. Beispielsweise spricht die schwarze Bevölkerung Amerikas anders als die weiße, die junge Bevölkerung anders als die alte, die gebildete anders als die ungebildete.

In der Originalsprache bleibt der kulturelle Geist erhalten und man bildet sich sprachlich weiter. Denn es gilt: Das Original ist heilig, die Übersetzung ist eine Fälschung.

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[Foto: Marius Buhl]