Sprachkritik

Meine Meinung: Lasst uns die Klimakrise beim Namen nennen

Inanna Tribukait

Großbritannien und Frankreich haben bereits einen Klimanotstand ausgerufen, genau so wie einige Städte in Deutschland. Trotzdem ist oft noch mehr die Rede von Wandel als Krise. Das verharmlost die Situation, findet fudder-Autorin Inanna Tribukait.

Am Freitag ist wieder Klimastreik, und auch diese Woche werden wohl wieder Slogans wie "Stop Denying the Earth is Dying" oder "Es fehlt noch die Panik auf der Titanic" auf den Plakaten der Fridays-for-Future-Demonstrierenden zu lesen sein. Auch Greta Thunberg hatte im Januar in Davos beim Weltwirtschaftsforum zur Panik aufgerufen. "Verhaltet euch, als ob euer Haus in Flammen steht, denn das tut es". Und dennoch, das Wort Klimakrise wird bisher nur von wenigen in den Mund genommen, der Großteil der Medien, Politiker und Normalbürger spricht immer noch von Wandel.


Die Angst vor Alarmismus ist zu groß, und davor, was es bedeutet, uns einzugestehen, dass wir uns tatsächlich in einer Notsituation befinden. Dabei ist Sprache und Wortwahl wichtig – und das nicht nur bei der Gedichtinterpretation. Immer wieder wird über politisch korrekte Sprache diskutiert, denn die Rhetorik, die wir verwenden, beeinflusst die Art und Weise wie wir denken und sagt etwas darüber aus, wie wir die Welt sehen.

Beim Tsunami spricht keiner von Flutwandel

Wenn wir von Wandel sprechen, dann nutzen wir ein neutrales Wort. Eine Raupe verwandelt sich in einen Schmetterling, im Märchen verwandelt die gute Fee Haselnüsse in schöne Kleider. Das Wort Wandel fordert per se niemanden zum Aktivismus auf, denn Veränderung kann natürlich sein und Wandel ist eigentlich meist sogar eher positiv behaftet als negativ. Dass das Klima sich wandelt ist dagegen nicht neutral und mit Sicherheit nichts Gutes. Dementsprechend sollten wir auch über das Thema sprechen.

Diese Forderung ist keine neue, aber eine, die immer noch zu Unrecht kritisiert wird. Man will keine Panik verbreiten, oder das Thema gar künstlich aufblasen. Aber niemand spricht bei den Veränderungen, die ein Tsunami an einer Küste verursacht von einem Flutwandel. Wir sprechen von einer Flutkatastrophe. Im übrigen war auch 2008 von einer Finanzkrise die Rede, nicht von einem Finanzwandel. Und die Klimakrise verändert jetzt schon weit mehr als die Börse oder einen einzelnen Küstenstreifen.

Vergangenes Jahr veröffentlichte der Weltklimarat (das Intergovernmental Panel on Climate Change) einen Bericht, in dem die Rede davon war, dass wir noch zwölf Jahre haben, um unser Verhalten global grundlegend zu verändern und das Schlimmste zu verhindern. Dieser Bericht wurde von 91 Wissenschaftlern aus 40 Ländern zusammengetragen und berücksichtigt Daten aus über 6000 wissenschaftlichen Studien.

Wenn weiterhin von Klimawandel und nicht von Krise die Rede ist, erkennen wir die Situation nicht als das an, was sie wirklich ist: Eine wissenschaftlich anerkannte, internationale Herausforderung, bei der alle, wir als Individuen, aber insbesondere und vor allem auch die Politik und Wirtschaft so schnell wie möglich, so aktiv wie möglich an einem Strang ziehen müssen. Es wird Zeit, dass das von allen konsequent in die Sprache mit aufgenommen wird.

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