Meine Meinung: Lasst mich doch einfach mal machen!

Marlene Wilkes

"Und, was machst Du jetzt?" Wie erzählt man von etwas, das nicht existiert? Wie schwierig das ist, weiß fudder Autorin Marlene Wilkes, die regelmäßig auf ihre Zukunftspläne angesprochen wird. Wie sehr das auf die Nerven geht und warum sie der Meinung ist, man solle sie doch einfach mal machen lassen.


29. Juni 2013. Die heiß ersehnten Zeugnisse werden mir in die Hand gedrückt, und ich drehe beinahe durch vor Glück, Freude, Aufregung. Abituuur! Die Welt steht mir offen, ich bin frei, kann tun und lassen was ich will, heute hier, morgen dort, et cetera. Denkste!


"Und, wie gehts jetzt weiter?", scheinen meine Verwandte, Freunde und ja, selbst flüchtige Bekannte meiner Eltern, wissen zu wollen. Natürlich stellte man mir diese Frage schon vor der Reifeprüfung. Doch bis dato konnte ich es immer schön mit einem lächelnden "Jetzt mach' ich ja erstmal Abi." abtun. Für die Meisten von ihnen war das Thema damit durch.

Den Hartnäckigeren reichte das natürlich nicht. Bei diesen versuchte ich es in etwa so: "Joaaa, daaann... gute Frage, ne? Ha-Ha-Ha!" (Mit Humor kommt man doch bekanntlich am besten voran). Unverständlich blickte mich indes mein jeweiliges Gegenüber weiterhin durchdringend an. Verdammt, wie war das mit dem Humor? "Erstmal reise ich mit einer Freundin für ein paar Monate mit Auto und Wohnwagen durch Europa." - "Ah, also fängste nicht gleich an, zu studieren?". "Nein, genau, ich gönne mir ein Jahr Pause." - "Aha."

Die dreimonatige Reise war ein wunderbares Erlebnis, und ich bin sehr glücklich über jede Erinnerung daran. Wie ich Ende November allerdings zurück im Lande war, folgte auf die Frage nach dem Verlauf meines Abenteuers auch gleich: „Und, was machst du jetzt?“. Um Himmels willen, gibt es denn nichts Wichtigeres?

Nun mache ich ein sechswöchiges Praktikum bei fudder, für das ich in einem solchen Gespräch oft dankbar war. Ich hatte etwas "Sinnvolles" vorzuweisen. Das freut die Leute. "Fängste dann zum Sommersemester an, oder? Und mit was überhaupt?". Nein, tu ich nicht! Warum überhaupt stressen mich alle so, bloß wegen diesem einen Jahr "Nichtstun". Natürlich verstehe ich, dass meine Mitmenschen an meinen Zukunftsplänen interessiert sind. Aber wenn ich nun mal einfach noch keine konkreten in meinem Kopf habe, sondern mich über das Hier und Jetzt erfreue?

Mir steht das zu, finde ich. Ich habe mich durch das achtjährige Gymnasium geschlagen, mit Lernstoff und Lehrkörpern herumgeärgert, mit jungen Achtzehn das Abschlusszeugnis erhalten. Soll ich mich wirklich jetzt sofort in die nächste Bildungsanstalt stürzen? Nicht mit mir!

Ich brauche Abstand
. Und Zeit, überhaupt herauszufinden, was ich denn aus meinem Leben machen möchte. Na gut, das ist auch so eine Floskel, die man seinem Umfeld erzählt. Die Wahrheit ist doch die: Auch jetzt weiß ich diesbezüglich nicht mehr als vor einem halben Jahr. Und werde es wahrscheinlich auch im Juni nicht. Mir egal! Die letzte Zeit brachte mir bisher schon so viel mehr.

Zusammen mit meiner Freundin wohnte ich drei Monate auf kuschligen sieben Quadratmetern und legte knappe 11.000 Kilometer durch West,- und Südeuropa zurück. Ich lernte wunderschöne Städte kennen und lieben und genoss den verlängerten Sommer, durch den ich an meinem Geburtstag Anfang November sogar noch im Mittelmeer baden konnte. Im Dezember bekam ich in einer amerikanischen Spielwarenkette Einblick in den Alltag einer Kassiererin und Ende Januar besuchte ich für ein paar Wochen meinen Bruder in Mexiko Stadt.

Und wie ich mich auf die kommenden Monate freue! Ich möchte Geld verdienen, um nochmal eine Reise anzutreten, auf Festivals tanzen und mit meinen liebsten Freunden (die übrigens alle ein Pausenjahr einlegen) zusammen genießen, dass wir noch in der gleichen Stadt wohnen. Denn ehrlich, wann werde ich die Zeit für all das nochmal so ausgiebig haben wie jetzt?

Zum Wintersemester werde ich mich dann für ein Studium einschreiben, vielleicht habe ich bis dahin ja sogar eine zündende Idee, welches Fach das Richtige ist. Falls nicht, finde ich es eben heraus. Ich werde schon meinen Weg gehen, lasst mich einfach machen! Ach ja, und spart euch die Fragerei in ein paar Jahren: "Und was machst du dann nach deinem Studium?"

Ihr nervt.

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