Meine Meinung: Lasst eure Beziehung aus den Sozialen Netzwerken raus

Marius Notter

"Schatzi, ich lieb dich sooo": Immer wieder posten befreundete Paare derlei Liebesbekenntnisse bei Facebook. fudder-Autor Marius Notter hasst diese Schmalz-Botschaften und fordert: Lass eure Beziehung aus den sozialen Netzwerken raus!



Kennt ihr noch Icq? Das Chatprogramm mit der grünen Blume? Ich war vernarrt in Icq. Da konnte man Statusmeldungen reinschreiben, nicht wie bei Facebook, eher so wie bei WhatsApp.

Ich erinnere mich an dieses eine Mädchen, Sophia, ich war damals 13, die war mit nem Kerl zusammen, Marvin hieß er. Die beiden waren gleich alt wie ich. Sie hatten sich ein Mal geküsst und sind, per Briefe-Schreiben im Unterricht, zusammen gekommen. Zwei Tage später lautete ihre Statusmeldung bei Icq: “Schatz, ich lieeeebe dich üüüüber alles :*:*:*”

Nie werde ich den Kotzanfall vergessen, den ich damals schon bekommen habe.

Seit dem hat sich nicht viel geändert. Icq nutzt zwar keiner mehr - doch es gibt ja ‘jetzt’ Facebook, WhatsApp, Twitter und Instagram.

Diese Entwicklung der sozialen Medien empfinde ich als sehr interessant, nutze sehr viele und checke immer den neusten Shit. Doch was mich regelmäßig fast dazu bringt, mein Laptop samt Handy und allem, was ich an technischen Geräten besitze, aus dem 10. Stock auf die Straße zu katapultieren, Pixies “Where Is My Mind” anzuschmeißen und mich direkt hinterher zu stürzen, sind Statusmeldungen, von mittlerweile 22-Jährigen, die folgendermaßen lauten:

“Oh mein Gott Schnuckispatz, drei Monate, lieb dich über Alles!
Wenn ich so etwas auf Facebook lese, frage ich mich, unter was für einem furchtbaren Trauma diese Menschen leiden und ob ihnen das Gehirn abhanden gekommen ist.

Sich gegenseitig auf die Pinnwand zu posten, dass man den anderen so supergeil und unglaublich toll findet, interessiert übrigens auch niemanden! Vor allem nicht, wenn das Cover- und Profilfoto dich und deinen Partner beim zuckersüßen Küsschen am Strand von Rimini zeigt. Bis zur Fast-Unkenntlichkeit bearbeitet.

Ich empfinde das ungefähr so nervtötend wie "Candy Crush"-Einladungen. Und so nötig wie Cybermobbing.

Der Höhepunkt der Facebook-Liebsbekundungen ist jedoch die Kombination aus Jubiläum, Countdown bis zum nächsten Wiedersehen - an einem im Facebook markierten Ort mit Foto.  Diese vor Romantik triefenden Bilder, auf denen der Gesichtsausdruck immer der Gleiche ist, steigern den nervtötenden Faktor dieser Postings ins Unermessliche.

Dabei spielt es keine Rolle, ob ihr euch vor dem Eiffelturm die Köpfe zu einem zuckersüßen Kuss zusammengesteckt oder auf dem Schlossbergturm eng umschlungen im Sonnenuntergang knuddelnd fotografieren lasst.

Glückwunsch! Du hast soeben den Interessiert-keine-Sau-Jackpott geknackt und den Adrenalin-Spiegel von mindestens 50 deiner Facebook-Freunde auf ein Level gebracht, bei dem Jason Statham in “Crank” fein raus gewesen wäre.  

Es ist ja nicht so, dass ich Paaren keine glückliche Beziehung gönne. Nein, im Gegenteil. Ich freue mich für Menschen, die vielleicht sogar ihren Partner fürs Leben gefunden haben.

Aber bei allen sieben Königreichen von Westeros: Druckt ein Fotobuch, lasst Bilder einrahmen, erzählt euren Freunden per Nachricht, Brief oder sogar von Angesicht zu Angesicht, dass ihr euch so wahnsinnig freut, weil euer Traumprinz oder eure Traumprinzessin wieder nach Hause kommt.
Denn Facebook-Freunde sind größtenteils virtuelle Freunde, Menschen, die man auf einer Party kennen gelernt hat, Menschen, die man aus der Grundschule noch kennt. Der Prozentteil eurer richtigen Freunde auf Facebook ist erfahrungsgemäß ziemlich klein - und auch der will das nicht auf Facebook sehen.  

Genau hier liegt das Problem: Die Social-Media-Welt hat sich in den vergangen Jahren gewandelt - die Nutzer zum Teil nicht, die sind immer noch bei Icq und warten, dass die grüne Blume endlich aufhört, sich zu drehen, das Schwuuuuuup-Geräusch kommt und sie online sind.

Facebook ist nicht mehr der Ort, an dem private Dinge öffentlich gemacht werden. Es hat sich zu einer Art Unterhaltungsmedium entwickelt, in dem Musik, Memes, Nachrichten oder neueste Trends ausgetauscht werden. Dauerhafte Status-Updates hingegen sind zu Twitter gewandert, wo sie auch hingehören. Für hochfrequentierte Bilder-Postings ist Instagram zuständig, und an welchem Ort man sich im Moment befindet, kann man der Welt auf Foursquare mitteilen.

Wenn ihr euer Gesicht, eure virtuelle Ehre, die antrainierte Facebook-Coolness, euer Twitter-Ego oder einfach nur eure Ernsthaftigkeit nicht verlieren wollt: dann lasst Liebesbekundungen für eure Liebsten aus Facebook raus, ja: am besten aus allen sozialen Netzwerken. Denn: Da gehören sie nicht hin.

Damit beweist ihr lediglich, dass ihr es nie aus dem Wild-auf-dem-Schulgang-rumschlecken-Stadium rausgeschafft habt.

Sophia und Marvin, die beiden 13-Jährigen aus meiner Schulklasse, waren übrigens zwei Wochen zusammen.

Zur Person



Marius Notter studiert Politikwissenschaften und Geschichte an der Albert-Ludwig Universität. Wenn ihm die dicken Geschichtsbücher oder politische Theorien zu ausschweifend werden, organisiert er Veranstaltungen und macht Musik. Neben Hipstertum, HipHop-Szene, elektronischer Musik und allem, was im sozialen Netz so kreucht und fleucht, betreibt er am liebsten Gonzo-Journalismus. Keine Veranstaltung und kein Termin sind ihm zu Ausgefallen, als dass er nicht hingehen würde. Sein Tumblr: Notanotterphotoblog

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