Meine Meinung: Kostenloser ÖPNV ist eine echte Option!

Sarah Metzger

Kostenloser Nahverkehr? Dieser Vorschlag der Bundesregierung stieß in Freiburg sofort auf Kritik. fudder-Mitarbeiterin Sarah Metzger findet das traurig und fordert von den lokalen Politikern, mehr Willen zu zeigen.

Kaum schlägt die Bundesregierung der EU vor, man könne in deutschen Großstädten einen kostenlosen Nahverkehr einführen, kommt in deutschen Städten die versammelte "Das haben wir noch nie so gemacht! Das haben wir schon immer so gemacht! Da könnte ja Jeder kommen!"-Fraktion um die Ecke und macht jede auch nur im Ansatz visionäre Idee zu Nichte. Das sei unmöglich, heißt es dann, irgendjemand müsse das ja schließlich bezahlen, und überhaupt, wo kämen wir denn hin, wenn wir alles umsonst machen.


Die einen befürchten, die Bahnen und Schienen würden dann viel zu voll; andere wiederum konstatieren, kein autoliebender Deutscher würde ernstlich auf die Fahrt in seinem Daimler verzichten, nur weil er für den Bus kein Ticket mehr braucht. Dass diese Argumentation sich schon in sich selbst widerspricht – geschenkt. Aber das viele Lokalpolitiker sich nicht einmal die Mühe machen, sich näher mit einem solchen Konzept zu beschäftigen, ist schlicht traurig.
"Offensichtlich ist, dass die Luftqualität in Städten steigt, wenn mehr Menschen auf das Auto verzichten."

Schon in derselben Woche, in der dieser Vorschlag aufkommt, wissen Stadträte, dass dieser Plan nicht taugt, und der Freiburger Oberbürgermeister Salomon findet gar, es handele sich um eine "totale Schnapsidee". Dabei werden munter Konzepte und Argumente vermischt, zwischen kostenlosem und fahrscheinfreiem Nahverkehr hin- und hergewechselt, und am Ende bleibt alles, wie es schon immer war.

Dabei birgt dieses Vorhaben so viele Chancen! Offensichtlich ist, dass die Luftqualität in Städten steigt, wenn mehr Menschen auf das Auto verzichten. Das ist nicht nur "Nice to have", sondern verhindert ganz konkret, dass viele Tausend Menschen zu früh sterben.

Ein fahrscheinloser ÖPNV? Praktisch umsetzbar

Der Nahverkehr würde aber auch gerechter: Es hängt dann nicht mehr vom Einkommen ab, ob ich es mir leisten kann mit der Straßenbahn zum Fußballtraining oder mit dem Bus zur Bücherei zu fahren, und die Trennung der Stadt in arme und reiche Stadtteile wird aufgebrochen.

Wo heute noch Autos auf vierspurigen Straßen verkehren oder einen der unzähligen Parkplätze allein in Freiburg belegen, entstehen echte Lebensräume für die Bürgerinnen und Bürger, wenn der Autoverkehr an Bedeutung – und an Masse – verliert.

Und es bleibt nicht bei einer verträumten Utopie: Ein fahrscheinloser ÖPNV ist praktisch umsetzbar! Die VAG nimmt jährlich etwa 60 Millionen Euro durch Fahrscheine ein. Denselben Betrag könnte sie auch erwirtschaften, wenn jeder Freiburger etwa 265 Euro im Jahr zahlen würde - nur etwas weniger als 73 Cent am Tag.

"Ich sage nicht, dass kostenloser ÖPNV von heute auf morgen möglich ist."

Sogar vollständig kostenlos kann möglich werden: Die Bundesregierung bezuschusst Diesel jedes Jahr mit rund 8 Milliarden Euro. Alle öffentlichen Verkehrsmittel Deutschlands zusammen erwirtschaften im selben Zeitraum nur 12,8 Milliarden. Euro. Man muss schon auf beiden Augen blind sein, um da so überhaupt keine Lösung zu sehen.

Ich sage nicht, dass es einfach ist. Ich sage nicht, dass kostenloser ÖPNV von heute auf morgen möglich ist. Es würden sicher Investitionen nötig, und es bleibt eine große Umstellung. Aber er ist eine Zukunftsvision in greifbarer Nähe, wenn man denn nur will. Und an diesem Wille sollte es unserem Oberbürgermeister für den die nachhaltige Stadt doch "eine Herzensangelegenheit" ist, gewiss nicht fehlen.

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