Sommerfestivals

Meine Meinung: Konzentriert euch auf die Musik, nicht aufs Outfit

Gina Kutkat

Beauty und Glitzer statt Bass und Gitarre: In den letzten Jahren sind Styling und Aussehen auf Musikfestivals immer wichtiger geworden. fudder-Redakteurin Gina Kutkat ist das ein Dorn im Auge.

Sie steht vor einem Kettenkarussell und lächelt. Ihre Haare sind in einem perfekten Dutt am Kopf zusammengenommen. Sie trägt schwarze Shorts und ein bauchfreies Top, sodass man ihren gepiercten Bauchnabel erkennen kann. Der Nagellack passt zum Lippenstift und die Sonnenbrille reflektiert ihre Hippie-Sandalen, denn ihr Blick ist – ganz instagramgerecht – nach unten gerichtet.


Ihr Bild hat sie mit dem Hashtag #seayou versehen und auf die Fotoplattform hochgeladen, als sie letztes Jahr auf dem Elektrofestival am Freiburger Tunisee tanzte. Warum ich sieben Lesesekunden darauf verwende, ein Outfit zu beschreiben? Ist doch nicht wichtig, was die Menschen auf Festivals anhaben. Finde ich auch – aber die Realität sieht leider anders aus.

Musikfestivals sind mittlerweile Anziehungspunkt für Fashionistas, Influencer und Modeaffine geworden, die sich in allen möglichen Posen fotografieren und ihre Outfits in den Sozialen Netzwerken präsentieren, um sie mit der Welt zu teilen. Mit ihren Beiträgen sammeln sie nicht nur Likes, sondern auch Geld.

Magazine und Blogs werben mit Artikeln à la "Der perfekte Boho-Festival-Look", "Die genialsten Festival-Outfits für den Sommer", "Diese Festival-Looks sind stylish und lässig". Stop! Das ist nicht der Sinn eines Festivals. Es geht doch in erster Linie um die Musik. Um die Künstlerinnen und Künstler, ihre DJ-Sets, das gemeinsame Feiern, Tanzen, Loslassen und darum, sich ein paar Tage lang in eine andere Welt zu beamen – egal, wie die Frisur sitzt.

Deshalb plädiere ich: sich gehen lassen statt Glitzer ins Gesicht kleben. Den Bass fühlen statt Beautyprodukte konsumieren. Die Musik statt Modeblogs studieren. Jeder, der in diesem Sommer ein Festival besucht, sollte doppelt soviel Zeit auf die musikalische Vorbereitung aufwenden als auf den Gedanken ans Outfit. Sich mit den Musikern beschäftigen, Playlists erstellen, einen eigenen Zeitplan erarbeiten.

Wer perfekten Eyeliner trägt, aber die Festival-Headliner nicht nennen kann, hat auf einem Festival nichts zu suchen. Ich will niemandem seine Lust auf Mode und Beauty absprechen, ich wünsche mir nur, dass sich der Fokus wieder verschiebt.

Oder wäre Woodstock so ein unvergessliches Festival geworden, wenn alle 400.000 Besucher tagelang ihre Outfits geplant und fotografiert hätten?

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