Meine Meinung: Jeder sollte Kant lesen!

Nicole Schneider

Gehen dir in der Kneipe die Worte aus, hilft dir Immanuel Kant aus der Patsche, findet fudder-Autorin Nicole Schneider. Seine Philosophie bestimmt unseren Alltag:



Kant war ein Philosoph. Kant hat im 18. Jahrhundert gelebt. Ok, soweit ist alles klar. Kant ist tot. Warum sollte man seine Werke lesen, wenn man die verschachtelten, seitenlangen Texte sowieso nur schwer versteht?


Weil Kant nämlich gar nicht tot ist. Man muss sich zwar nicht mit den Texten beschäftigen, einen Versuch ist es aber auf jeden Fall wert. Sie sind heute noch relevant: Die Entwürfe zur Menschenwürde und die Entwicklung des kategorischen Imperativs der Pflicht waren auch Grundlage für unser Grundgesetz. Irgendwie ist Kant also Grundwissen. Und auch sonst findet man Kant in unserem Leben immer wieder.

Der kategorische Imperativ heißt übersetzt ganz schlicht: "Mach nur Sachen, die du auch als Gesetz cool fändest." Stell dir vor, du hattest Streit mit deinem Prof oder Chef. Wütend gehst du auf dem Heimweg an seinem Auto vorbei und kratzt den schwarzen Lack des Audis mit deiner Schlüsselspitze ab. Kant würde dich jetzt fragen, wie du folgenden Gesetzentwurf fändest: "Wenn du wütend auf eine Person bist, sollst du ihr Auto beschädigen." Normalerweise setzt man da nicht seine Unterschrift drunter, weil dann auch schnell das eigene Auto leiden könnte.

Oder ein anderes Beispiel: Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Diskussionen gab es zu diesem Thema schon reichlich. Der Mensch kann eigene Regeln für sich aufstellen, antwortet Kant – darin unter anderem liegt der Unterschied. Nur ein Mensch macht eine Diät, um endlich die paar Kilos zu viel auf den Hüften loszuwerden. Ein Tier würde wohl kaum auf die Idee kommen, freiwillig zu hungern. Eine Diät ist, nach Kant, also irgendwie auch die Bestätigung, ein Mensch zu sein.

Kant hat noch zahlreiche andere Wahrheiten gesagt, wie zum Beispiel: "Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr böse Menschen macht, als er deren wegnimmt." Über solche Thesen kann man ruhig mal nachdenken.

Natürlich sind seine Texte furchtbar vielschichtig und verschachtelt. Mit Wörtern wie "a priori", "teleologische Urteilskraft" oder "kopernikanische Wende" hat man in seinem Alltag wenig zu tun. Wenn man Kants Sätze aber mal genauer anschaut, erkennt man, wie er sämtliche Information und Hintergründe, Umstände und Zweifel in einen einzigen Satz packt. Das schafft nicht jeder. Und hat man diesen Satz dann erst mal entschlüsselt und verstanden, ist das zweifellos ein Erfolgserlebnis.

Das Argument Philosophie sei out, zählt nicht. Denn philosophisch sind wir alle irgendwie: Bei vielen flüssigen Abenden in der Kneipe machen oft philosophische Ansätze die Runde. Es geht um den Sinn des Lebens – ein bisschen Klugscheißerwissen von Kant schadet da nie.

Wenn man sich nun einfach nicht zutraut, das Buch in die Hand zu nehmen, ermutigt der Autor persönlich: "Es ist zuweilen nicht unnütz, ein gewisses Vertrauen in seine eigenen Kräfte zu setzen."

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[Foto: Marius Buhl]