Mehr Toleranz

Meine Meinung: Jede und jeder Studierende sollte ein Gender-Studies-Seminar besuchen

Matej Snethlage

Unser Autor konnte sich bis vor kurzem wenig unter Gender Studies vorstellen. Nun hat er ein Seminar zum Studienfach besucht und festgestellt: Das Gelernte ist nicht immer abstrakt, sondern eine Wissenschaft des Alltags.

Es gibt wohl kaum einen Studiengang, der kontroverser diskutiert wird. Wer Maschinenbau, Jura oder BWL studiert, bekommt seine Studienwahl oft mit einem wohlwollenden Nicken quittiert. Wer sich hingegen traut einem Studium namens "Gender Studies" seine Zeit zu widmen, bekommt oft Widerworte oder Fragen nach dem Warum.


Als Student der Medienkulturwissenschaft habe ich mit dem Studiengang Gender Studies nur spärliche Überschneidungen. Bis ich mich entschloss, dieses Semester ein Seminar namens "Theorien der Gender Studies" zu belegen. Ich fragte mich davor: Saß ich nicht schon in genug hochakademischen Vorlesungen, die mir zwar abstrakt irgendeinen Gedankenweg eröffnete, aber deren Anwendung mir völlig ungreifbar blieb? Was mich letztendlich zum Gender-Studies-Seminar zog, war Neugier. Ich wollte es einfach ausprobieren.
Gender Studies an der Uni Freiburg: Studieren gegen Stereotype

Denn Zeiten ändern sich – und genauso ändert sich die Wissenschaft. Dachte man im 19. Jahrhundert noch, das einzige, was eine Person zum Mann oder zur Frau machte, seien die Chromosomen, ging die Entwicklung bis vor einigen Jahrzehnten in eine Richtung, bei der man streng biologisches Geschlecht und kulturelles Geschlecht trennte. Inzwischen weiß man jedoch, dass solche Einteilungen nicht so leicht zu machen sind. Man entdeckte Menschen, die weder als rein männlich noch als rein weiblich klassifiziert werden konnten. Die erste Geschlechtsumwandlung fand 1930 statt. Die Idee eines stets klar zuordenbaren, biologischen Geschlechts geriet ins Wanken. Die Wissenschaft schließt nun zur Realität an, in der Millionen Menschen, intersexuell, queer oder transgeschlechtlich sind.

Wieso ist es wichtig zu gendern und Frauen nicht einfach nur mit zu meinen?

Doch das ist nicht alles, was man bei Gender Studies lernen kann. Man wird sich bewusst, welche Formen der Diskriminierung existieren und wie sie immer weiter internalisiert werden. Von dort ausgehend werden neue Methoden entwickelt, wie man benachteiligte Personen zur Gleichberechtigung hilft und ihre Benachteiligung in alltäglichen Handlungen mindert. Einfachstes Beispiel: Wieso ist es wichtig zu gendern und Frauen nicht einfach nur mit zu meinen, ohne es zu sagen?

Es ist wichtig solche Dinge zu wissen. Natürlich kann man nicht von jedem erwarten sein Leben von nun an in Toleranz und allseitiger Akzeptanz zu verbringen. Man kann ebenfalls die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Faches diskutieren, sie ablehnen und andere Theorien entwerfen. Doch es ist gut, sich damit auseinanderzusetzen. Denn es gibt Millionen von Menschen, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen. In jedem Bekanntenkreis gibt es Marginalisierte und Diskriminierte. Man sollte versuchen, sie in ihrer Andersartigkeit zu unterstützen und vor Ausgrenzung schützen. Im Studienfach Gender Studies lernt man sich selbst für die Probleme anderer Menschen zu sensibilisieren.

Gender Studies hilft Andersartigkeit als Normalität zu verstehen

Ich will nicht bestreiten, dass vieles der gelehrten Dinge hochtheoretisch und abstrakt ist. Das Besondere und für mich auch Wertvolle an Gender Studies scheint, dass es eine Wissenschaft des Alltags ist. Man lernt über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken. Das bedeutet Andersartigkeit als Normalität zu verstehen. Das bedeutet komplexe Zusammenhänge innerhalb jeder Gruppe zu begreifen und es bedeutet vor allem zu verstehen, wie man an einer besseren Gesellschaft für alle mitwirken kann.

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