Meine Meinung: Ihr solltet alle mal in die Oper gehen

Leah Biebert

Komm, wir gehen in die Oper! Ob Verdis La Traviata oder Mozarts Zauberflöte – junge Leute sehen das Musiktheater oftmals als überkommene Kunstform an. Doch Oper ist weder reaktionär noch konservativ, findet fudder-Autorin Leah. Und plädiert für mehr Opernbesuche.

Es ist ein wahrer Gänsehaut-Moment, wenn die Lucia-Darstellerin in blutbeflecktem Hochzeitskleid und mit irrem Blick ihre (im wahrsten Sinne des Wortes) Wahnsinnsarie singt. "Un gelo mi serpeggia nel sen! Trema ogni fibra!" – "Ein Schauer rieselt kalt mir durchs Herz, durch alle Glieder!"


Bei schluchzendem Gesang zerrupft sie ihren Schleier, bevor sie blutüberströmt zusammenbricht. Das hat eindeutig Sweeney Todd-Potential! Aber dass Oper so aufregend sein kann, davon muss ich leider allzu oft Menschen in meinem Alter erst überzeugen.

"Man sollte der Oper eine Chance geben!"

Als ich einmal Karten für Mozarts Così fan tutte abzugeben hatte, fand ich unter meinen Freunden auf Facebook keinen Abnehmer dafür. Des Öfteren habe ich den Eindruck, junge Leuten fänden die Oper altbacken und langweilig. Ich finde, dass die Oper an einem lädierten Image und überkommenden Vorstellungen leidet. Meine Meinung: Man sollte sich von diesen lösen und der Oper eine Chance geben!

Mit dem Künstlerkollektiv Le LAB kommt für die kommende Saisonstartpremiere ein Regieteam an das Freiburger Theater, das genau auf das Wert legt, was der Name schon verrät: Experiment. Es soll das Musiktheater, in diesem konkreten Fall die phantastische Oper Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach, in die Gegenwart versetzen.

Mithilfe von Live Art, die den Zuschauer ansprechen und herausfordern soll. Es wird heutzutage gesagt, die Jugend bevorzuge das Authentische. In diesem Aspekt kommt die Oper ihnen immer mehr entgegen. Aber im Gegenzug muss auch die Jugend der Oper entgegenkommen.

Was kann bei einem Opernbesuch schon passieren?

Alle Welt redet von Fallschirmspringen, vom Bungeejumping und Bodyflying. Es geht darum, etwas zu wagen. Aber in die Oper wagen sich die Leute nicht. Ich frage mich, warum nicht? Was soll bei einem Opernbesuch schon passieren? Sicher, vielleicht erwischt man eine Inszenierung, die nicht unbedingt den eigenen Geschmack trifft. Und kurz ist so ein Opernbesuch auch nicht gerade. Aber dann hat man es wenigstens einmal probiert und kann sich eine eigene Meinung bilden. Und vielleicht entdeckt man dabei ja doch eine versteckte Begeisterung für klassische Musik.

Also, warum urteilen junge Leute über die Oper, obwohl sie noch keinen Besuch gewagt haben? Weil die Vorstellung der Etikette weiter fortlebt. Die Vorstellung, die Oper sei eine aus dem Alltag herausgehobene Veranstaltung für die obere Gesellschaftsschicht, teuer und exklusiv, mit entsprechendem Dresscode. Doch heutzutage muss man nicht mehr im Smoking in die Oper gehen.

Wenig Aufmerksamkeit für ältere Kunstformen

Die Preise für einen Theaterabend kommen denen für einen Kinobesuch ziemlich nahe – und meiner Meinung nach ist im Hinblick auf das aktuelle Kinoprogramm das Geld dort auch sehr viel besser angelegt.

Natürlich weiß ich, dass es auch viele junge Menschen gibt, die das Musiktheater schätzen und sich für klassische Musik begeistern können. Aber dafür, dass wir in einer Gesellschaft leben, die sich so für Kultur einsetzt, die brennt für Street Art und Poetry Slam, finde ich es schade, wie wenig Aufmerksamkeit traditionsreichen, älteren Kunstformen gewidmet wird.

Neugierig auf ein besonderes musikalisches Erlebnis? Ab in die Oper!

Dabei findet man in der Oper alles, was das Herz begehrt: Eine gute Story, mitreißende Musik und tolle Effekte. Gerade in Zeiten wie diesen, wo es die angestrebte Vermischung von Kunstformen möglich macht, andere Genres in die Vorstellungen miteinzubeziehen. Gerade so können die Menschen erreicht werden, die ihre Kreativität sonst abseits der Oper ausleben.

Wer sich für Live Art begeistert, soll also hiermit angehalten werden, in der kommenden Saison mal in Offenbachs Oper im Theater Freiburg reinzuschauen. Alle anderen, die neugierig auf ein besonderes musikalisches Erlebnis sind, aber natürlich auch. So kann vielleicht doch der Fall eintreten, der im Fünften Element gezeigt wird: Dass ein Außerirdischer im Jahr 2263 die Wahnsinnsarie aus Donizettis Lucia di Lammermoor trällert.

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