Meine Meinung: Ich finde Achselhaare sexy!

Stefanie Sturm

Achselhaare sind eklig? Nicht für Fudder-Autorin Stefanie Sturm. Im Gegenteil, sagt sie: Achsel-, Scham-, Bein- und sogar Arschhaare sind sexy. Und das meint sie nicht mal politisch:



Ich spreche gerne über Privates; ich finde die Entprivatisierung privater Themen zu Gunsten der Enttabuisierung tabuisierter Bereiche des Lebens ehrenwert und nützlich - also finde ich, wir sollten über behaarte Frauen sprechen, auch wenn wir damit natürlich nicht die Ersten wären. Trotzdem.


Meine Körperbehaarung ist kein politisches Statement - ich meine, na klar, was ist schon wirklich unpolitisch, und, okay, es passt mir eigentlich ganz gut in den Kram, dieses politische Dingsbums, aber: Körperbehaarung wäre auch ohne Feminismus mein Ding. Ich finde Haare einfach schön. Und noch dazu sind sie der Grundzustand meines Körpers - wenn ich nicht daran herumwerkele, sind sie da! Ich wäre also vorsichtig, sie als aktive politische Aktion zu betrachten, denn sie können einem ja aus Versehen wachsen, wenn man mal kurz wegschaut (so war das nämlich bei mir).

Pubertät: Die Brüste zu groß/klein und immer zu dick

Aber zuerst möchte ich kurz über die Pubertät sprechen. Oh ja, die Pubertät. Eine schreckliche Zeit. Der Körper wird zur Belastung. Man bekommt seine Tage, und weiß nicht, wie man damit umgehen soll, dass manchmal Flecken entstehen. Dass beim Umziehen in der Sportumkleide ein Faden vom Tampon rausschauen könnte. Dass man das vielleicht riechen kann.

Die Haut ist nicht gut genug, die Haare nicht glatt/lockig/blond/dunkel genug, man ist nicht dünn genug (nie), die Brüste sind zu groß/klein, und um Gottes Willen, wenn dann die Haare anfangen zu wachsen, an Stellen, an denen man sie vorher nicht hatte und von denen man am Liebsten auch gar nicht sprechen möchte, von denen man sich im Zweifelsfall wünscht, man hätte sie nicht - Drama!

Rasieren? Wachsen? Epilation? Auf jeden Fall weg damit!

Heute finde ich Haare heiß!

Mitterweile ist meine Einstellung zu Haaren positiv, man könnte sogar sagen: obsessiv. Die Anzeichen für diese mit Öko-Bauernfrauen und Nena in den 80ern assoziierte Haltung zeigten sich früher, als es mir bewusst war. Es fing damit an, dass ich lange Haare nicht nur an Frauen, sondern auch - oder sogar vor allem - an Männern wunderschön fand, schon damals, als meine Freundinnen das eher blöd fanden, weil die einzigen langhaarigen Jungs die Metal-Fans waren, und die waren damals zu Schulzeiten nicht unbedingt die Süßesten. Außer für mich.

Dazu kam, dass ich es irritierend fand, auf nackte Genitalien zu stehen, wenn man mal darüber nachdenkt, dass das eigentlich nur bei Kindern vorkommt. Und ich bin ehrlich, wenn ich sage: Schamhaare sind heiß! So wie auch Kopfhaare, Brusthaare und Rückenhaare, und manchmal sogar Arschbehaarung - kommt auf den Arsch an. Ich verstehe, es ist Geschmackssache, und das finde ich auch okay, also, bitte, wenn ihr sowas nicht so schön findet, kein Problem, gar kein Problem.

Zuerst kamen die Scham-, dann die Achselhaare zurück

Bei mir kamen zuerst die Schamhaare zurück, dann die Armhaare, dann wurden die zeitlichen Abstände zwischen den Beinrasuren größer, und schließlich, nachdem ich einige Wochen lang in einer Wohnung gewohnt hatte, in der man unter der Dusche nur drei Minuten lang heißes Wasser hatte, wuchs ein schönes, elegant gelocktes Gehänge unter meinen Achseln.

Zu meiner eigenen Überraschung verspürte ich nicht Scham und Ekel, sondern ein angenehmes mütterliches Gefühl des Willkommens. Ein "Oh, das ist ein Teil meines Körpers, den ich noch nie gesehen habe". Und mein Körper und ich, das ist dasselbe, also habe ich ein neues Teil von mir selbst kennengelernt, das ich wirklich, ehrlich, noch nie in diesem Ausmaße gesehen hatte, denn man fängt in der Pubertät ja früh an mit dem Rasieren.

Wenn Achselhaare einfach Achselhaare wären

Frauen haben mir gesagt, dass sie Achselhaare eklig finden, dass es Aufmerksamkeitshascherei sei, sie sich wachsen zu lassen, was denn überhaupt das Problem sei, sie sich zu rasieren, es ginge doch so schnell, ob Deo denn genau so gut funktioniere, wenn man da lange Haare hat - das Interesse reicht von Shaming bis Neugier, die ganze Palette, während ich von Männern eher Gleichgültigkeit erfahren habe.

Natürlich senden Achselhaare ein politisches Signal in die Welt. Wer sie sieht, denkt nicht: "Oh, ihr gefallen anscheinend lange Achselhaare" (was bei Kopfbehaarung zum Beispiel der Fall wäre). Er denkt: "Aha, sie ist Feministin/Emanze/Mannsweib/Lesbe". Das kann ich nicht ändern und ich habe auch nicht das Bedürfnis, meinen Körper an dieser Stelle zu entpolitisieren - ich unterstütze ja die Bewegung, für die meine Achselhaare zu stehen scheinen.

Trotzdem wäre es schön, wenn das irgendwann mal nicht mehr so sein müsste und wir sie einfach als ästhetische Vorliebe akzeptieren könnten. Stellvertretend für Entscheidungsfreiheit, Selbstbestimmung, freien Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, und offener Akzeptanz für den natürlichen Urzustand des weiblichen (und männlichen) Körpers.





Stefanie Sturm las eine Langversion dieses Texts gestern als einen von drei englisch- und deutschsprachigen Texten auf ihrer Lesung mit dem Titel "Geschichten über heulende Männer, Smartphones und Schamhaare" vor Publikum in der Bar Erika. Auf Fudder haben wir einen Ausschnitt veröffentlicht. Die Bar Erika wird in Zukunft regelmäßig Autorenlesungen veranstalten. Für weitere Termine einfach ab und zu auf der Facebook-Seite der Bar vorbeischauen.

Mehr dazu:

[Foto: privat]