Meine Meinung: Hört endlich auf, überall hinzupinkeln!

Marco Kupfer

Wildpinkler in der Innenstadt, Aufkleber auf Stromkästen, auf dem Boden Glasscherben, gebrauchte Spritzen und dann erst diese Spießbürger... Reißt euch verdammt noch mal zusammen, fordert Marco Kupfer. Er mag es sauber:



In Freiburg sind einige Ladenbesitzer dazu übergegangen, ihre Eingangsnischen zu vergittern. Und das nicht etwa wegen Einbruchsgefahr. Innenstadtbewohner klagen über "Wildpinkler", herumliegenden Unrat und ausufernde Junggesellenabschiede. Ihre Gitter können letzten Endes zwar niemanden davon abhalten, in die Ecke zu urinieren. Aber sie verhindern wenigstens das große Geschäft. Ja, richtig gelesen. Es gibt anscheinend eine wachsende Zahl von Menschen, die ihre Notdurft ohne Not auf offener Straße verrichten. Einige Gassen verströmen einen so penetranten und eindeutigen Geruch, dass sogar der Pressesprecher des Regierungspräsidiums von "rattenmäßigem Gestank" spricht.


Vor allem nach langen Partynächten zeigt sich ein Problem, das nicht nur in Freiburg auftritt und noch tiefer in der Gesellschaft verwurzelt sein dürfte, als der Urinstein in einigen Fassaden. Die Hemmschwellen dessen, was man anderen Menschen zumuten kann, scheinen zu fallen und sind besonders bei manchen Stadtbewohnern kaum noch existent. Was im stinkenden Haufen vor der Eingangstür gipfelt, ist als vermeintliche Kleinigkeit an jeder Ecke sichtbar: kein Stromkasten, der nicht mit stumpfen Parolen beklebt, kaum ein Zentimeter Wartehäuschen oder Hinweisschild, das nicht mit dem dicksten greifbaren Filzstift beschmiert ist. Graffitisprayen ist eine Kunst, keine Frage. Drei unleserliche, kryptische schwarze Buchstaben und ein falsch geschriebenes englisches Schimpfwort gehören nicht in diese Kategorie.

Es laufen Menschen durch die Straßen, die anderen Passanten völlig schamlos vor die Füße spucken. Kleine schäumende Speichelpfützen sind Normalität vor jeder Sitzbank. Achtlos weggeworfener Müll samt Glasscherben und dem einen oder anderen Spritzbesteck beschäftigen ganze Kolonnen von fleißigen Stadtreinigern. Eine Sisyphusarbeit, die Respekt verdient und leider Konjunktur hat. Bedauernswerte Zustände sind es, an die man sich längst gewöhnt hat. Dabei sind Rufe nach mehr Ordnungshütern und drakonischeren Strafen ebenso fehl am Platz wie penetrante Spießbürger, die alles und jeden anzeigen und am liebsten jegliches Feiern abschaffen würden.

Es geht nicht um den starken Staat, gängelnde Regeln oder gar ein Verständnis von Freiheit. Es geht schlicht um zentrale menschliche Verhaltensweisen. Welcher freiheitsliebende und alles andere als regelkonforme Woodstock-Hippie hätte seinem Nachbarn grundlos vor die Füße gespien oder das nächste Zelt mit seinen Fäkalien beschmiert? Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo er seinen Mitmenschen Schaden zufügt, sagte John Stuart Mill. Einige Zeitgenossen sollten sich fragen, ob sie es selbst so toll fänden, wenn man ihnen vor die Füße macht. Um diese Frage zu beantworten, braucht es weder Mill noch Kant. Nur ein klitzekleines bisschen grundlegenden Anstand.

Zur Person

Marco Kupfer ist 24 Jahre alt und bekennender Landbewohner. Deshalb pendelt er vom Kaiserstuhl nach Freiburg und blickt von außen auf die Stadt. Er studiert Politologie, Geschichte und gutes Essen. Nach zwei Jahren in Trier hat er Südbaden zu sehr vermisst - jetzt ist er wieder da.

 

"Meine Meinung"

Mit "Meine Meinung" will fudder Menschen eine Plattform bieten, um ihre Meinung zu einem Thema, das in Freiburg debattiert wird, dazulegen. Es handelt sich bei dem Beitrag um die Meinung des jeweiligen Autors, nicht um die der Redaktion.

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[Foto 1: lassedesignen/Fotolia, Foto 2: Marco Kupfer]