Meine Meinung: Hinterfragt Eure Meinung öfter, bitte!

Maleen Thiele

Wir erfahren sie täglich auf verschiedene Weise und in unterschiedlichen Kontexten: Meinungen. Doch müsste man sie nicht viel öfter hinterfragen? Fudder-Autorin Maleen Thiele findet, ab und an könnte man auch gut auf sie verzichten.

Wir werden jeden Tag mit einer Fülle von Informationen konfrontiert. Ob über Nachrichtenseiten, durch das Arbeitsumfeld oder innerhalb des Freundeskreises und der Familie: Immer und überall werden verschiedene Themen konsumiert und ausdiskutiert. Viele Leute sind dabei der Ansicht, dass sie sich ein Urteil bilden können - trotz häufiger Interessenlosigkeit und der daraus folgenden Unwissenheit. Das verdeutlichen vor allem die gut benutzten Kommentarspalten Sozialer Netzwerke, durch die die Leser direkt auf die Artikel reagieren können.


Gibt man in Google das Wort "Meinung" ein, erhält man folgende Definition: Das Meinen ist ein Fürwahrhalten, dem sowohl subjektiv als auch objektiv eine hinreichende Begründung fehlt. Diese Erklärung bringt es eigentlich auf den Punkt. Meinungen sind weder belegbar, noch haben sie den Anspruch – zumindest wenn man von der Definition ausgeht – den vollen Wahrheitsgehalt eines Themenbereichs zu umfassen. Doch in letzter Zeit schleicht sich bei mir das Gefühl ein, dass die Unterscheidung zwischen Meinungen und Tatsachen mehr und mehr vermischt beziehungsweise für viele einfach egal geworden ist.

"Ob Genderfrage, das Flüchtlingsthema oder #Metoo. Jeder denkt, er habe genug Wissen, um zu urteilen."
Ein Beispiel: Vor ein paar Wochen veröffentlichte die Krankenkasse Barmer die Studie, dass immer mehr junge Menschen unter psychischen Erkrankungen leiden. Diese Nachricht wurde von so gut wie allen großen Nachrichtenseiten verbreitet – natürlich auch über soziale Netzwerke. Die Meinungen in den Kommentarspalten ließen mich jedoch nicht nur ratlos, sondern auch entrüstet zurück. Die Kommentare reichten von "Junge Leute wissen nichts vom Leben", über "Sie stellen sich an" bis zur "Verweichlichten Studierendengeneration, die alles in den Hinter geschoben bekommt".

Die Gründe, wieso die Quote an jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen steigt, sind sowohl vielschichtig als auch schwer erklärbar und vor allem individuell. Und nicht in drei Sätzen zusammenzufassen, bei denen sich zumeist noch nicht mal die Mühe gemacht wurde, auf Grammatik und Rechtschreibung zu achten. Und das ist nur ein Beispiel von vielen: Ob Genderfrage, das Flüchtlingsthema oder #Metoo. Jeder denkt, er habe genug Wissen, um zu urteilen. Natürlich repräsentieren Facebook-Kommentare nur einen kleinen Teil der Gesellschaft. Und vielleicht verlieren ihre Verfasser übers Internet eher Hemmungen, die sie in der Realität wahren würden. Dennoch machen die Kommentare eine Entwicklung deutlich: Meinung bilden ist einfach und wird kaum mehr hinterfragt.
"Die eigene Meinung ist ein wichtiges Fundament einer funktionierenden, demokratischen Gesellschaft."
Doch dies ist kein Aufruf zur Meinungslosigkeit, sondern vielmehr ein Appell zur kritischen Hinterfragung der eigenen Meinungen und Ansichten. Die eigene Meinung ist ein wichtiges Fundament einer funktionierenden, demokratischen Gesellschaft und muss von jedem gepflegt und geschützt werden. Erst durch subjektive Ansichten und einer damit einhergehenden Emotionalisierung, schaffen wir es, uns für Dinge zu begeistern und somit auch für diese einzusetzen.

Doch bin ich der Ansicht, dass sich uns manchmal viel mehr Chancen eröffnen würden, wenn wir einem Thema wertfrei begegnen würden. Denn so könnten wir uns von möglichen Scheuklappen lösen, die eine vorherige Meinung uns auferlegt hätte. Und ja, es ist dann auch einfach mal legitim, keine Meinung zu haben.

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