Meine Meinung: Hausarbeiten abschaffen? Das ist zu kurzsichtig gedacht

Sotirios-Kimon Mouzakis

Hausarbeiten sind meistens kein Spaß – weder für Studierende noch für Dozierende. Sie ganz abzuschaffen, ist aber auch keine Lösung, findet Sotirios-Kimon Mouzakis von der Uni Freiburg.

"Ich habe Panik vor der Hausarbeit und weiß nicht, ob ich sie bestehen werde", schreibt mir eine Studierende, die bei mir ein Literaturseminar besucht hat. Alarmstufe rot. Ich erinnere mich an Christoph Tipker , der jüngst für SPON schrieb: "Hausarbeiten sind eine Qual. Für die Studenten. Und für die Dozenten." Dem kann ich zustimmen, allerdings nicht vorbehaltlos. Aber: Was wäre die Alternative?


Ziel der Hausarbeit ist es in den ersten Semestern nicht, das Rad neu zu erfinden. Einen relevanten Beitrag zur Forschung zu erwarten, wäre von Seite der Dozierenden aus naiv. Worum es geht, ist die Einübung ins wissenschaftliche Arbeiten, also konkret: die Erarbeitung einer Fragestellung, die dann unter Zuhilfenahme von Forschungsliteratur lösungsorientiert abgearbeitet wird. Dazu kommt in den meisten Fällen das Arbeiten mit Fußnoten, das Bibliographieren, Exzerpieren, Zitieren, Referieren.

Im Optimalfall: mit korrekter Rechtschreibung und Zeichensetzung

Für Studierende in den ersten Semestern ist das oft eine Herausforderung. Nun kann man natürlich argumentieren, dass Übung den Meister macht. Stimmt. Es stellt sich aber dennoch die Frage, wie sinnvoll und verhältnismäßig es ist, im ersten Semester von seinen Studierenden eine Hausarbeit zu verlangen, die gute wissenschaftliche Praxis, innovativen Erkenntnisgewinn und im Optimalfall sogar noch korrekte Rechtschreibung und Zeichensetzung vereint. Denn das ist es ja, was einen wissenschaftlichen Artikel auszeichnet und zu dem macht, was er ist.

Die Übung verfehlt ihren Zweck

Viel zielführender wäre es meiner Meinung, die Studierenden langsam aber bedacht an den Schreibprozess heranzuführen. Ein völliger Verzicht ist hier freilich nicht die Lösung und auch nicht erstrebenswert. Darauf zu beharren, jedes Semester eine oder mehrere Hausarbeiten zu Übungszwecken anzufertigen, jedoch auch nicht. Denn in den seltensten Fällen wird die Hausarbeit mit den Dozierenden nachbesprochen. Und das ist der entscheidende Punkt. Die Übung verfehlt ihren Zweck genau in dem Moment, in dem sie nicht auf die Verbesserung oder Steigerung der Leistung abzielt, sondern sich in der bloßen Pflichterfüllung erschöpft.

Nachdem die Studierenden die Hausarbeit irgendwie zusammengebastelt und eingereicht haben, können sie wenige Wochen später ihre Note elektronisch abfragen. Für die meisten hat sich das Thema damit erledigt: Leistungspunkte verbucht, Note da, weiter geht’s. Fehler und Probleme, die in der Arbeit aufgetreten sind, wurden von den Dozierenden bestenfalls zwar erkannt und markiert, verlaufen aber im Sand, da sie nicht zur Kenntnis genommen oder nur kurz überflogen werden.

Bulimielernen bringt nichts

Entsprechend wiederholen sich Fehler und werden bis zum Verfassen der großen Abschlussarbeit zur Gewohnheit – von Lernerfolg kann keine Rede sein. Und vom Lesevergnügen bei den Dozierenden auch nicht.

Zurück zum Stichwort Lernerfolg: Wie viele Studierende betreiben sogenanntes Bulimielernen, sowohl beim Lernen auf Klausuren als auch beim Verfassen von Hausarbeiten – also: viel Stoff in kurzer Zeit. Nur nachhaltig ist das nicht. Zielführend auch nicht. Und interessefördernd schon überhaupt nicht.

Für Dozierende sind Hausarbeiten auch nicht gerade Spaß

Übung muss sein, klar. Aber das Ziel eines Studiums sollte nicht sein, Schreiberlinge auszubilden, die innerhalb eines gesetzten Zeitfensters ohne Sinn und Verstand eine vorgegebene Anzahl Wörter zu einer akademischen Abhandlung niederschreiben.

Dass der Job als Hochschuldozierender auch die Korrektur von mitunter schlechten (oder gar: unfassbar schlechten) Arbeiten beinhaltet, ist gleichermaßen klar.

Darauf muss man sich einstellen, wenn man in der Lehre des Hochschulbetriebes tätig sein will – sich im Nachhinein über die Unzumutbarkeit der Arbeiten zu beschweren wirkt daher etwas fadenscheinig. Insbesondere dann, wenn man als Dozent oftmals selbst die Form der Prüfung bestimmen kann.

Nicht immer ist die Prüfungsform "Hausarbeit" Pflicht

Viele Prüfungsordnungen geben lediglich vor, ob die Prüfung schriftlich oder mündlich abzulegen ist. Konventionalisiert sind vielerorts schriftliche Hausarbeiten – verpflichtend vorgeschrieben jedoch nicht immer notwendigerweise. Wo dies der Fall ist, muss man sich beugen, in allen anderen Fällen ist der Rückgriff auf alternative Prüfungsformen jedoch nicht illegitim. Manche Dozierenden überlassen die Form der Prüfung ihren Studierenden (konkret weiß ich das von mindestens zweien an der Uni Freiburg).

Besser wäre es also, finde ich, ein gesundes Mittelmaß in der Art und Weise zu finden, wie Prüfungen abzulegen sind. Es ist klar, dass der von Tipker beschriebene Fall "Kristina" durch seine Dramatik dazu einlädt, Hausarbeiten als ausmergelndes Unterfangen zu verurteilen, das an Leib und Seele nagt. Und es stimmt auch in gewissem Maße, dass die Korrektur von Hausarbeiten bei den meisten Dozenten nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen zählt. Und es bleibt dennoch, wie bei den meisten Dingen im Leben, dass der gesunde Mittelweg wohl doch die beste Lösung ist.

Eine Alternative: Anfängern keine Hausarbeiten zumuten

Ich erachte es daher als wenig sinnvoll, den Studierenden im Anfangsstadium des Studiums, wo ohnehin alles ganz neu und ganz aufregend ist, bereits Hausarbeiten zuzumuten, sondern würde dafür plädieren, gute wissenschaftliche Praxis und redliches Arbeiten einzuüben, sei es etwa in Form von Essays, Rezensionen (wie auch Tipkeranregt) oder unter Rückgriff auf die verschiedenen Angebote, die die Universitätsbibliotheken zum Teil anbieten.

So können dann im Verlauf des Studiums gute Arbeiten entstehen. Diese können dann auch den Anspruch einer eigenen, wenn auch nicht weltbewegenden, Forschungsleistung haben, die zu korrigieren den Dozierenden dann auf eine spannendere Art fordert.

Eine weitere Alternative stellen Projektarbeiten dar – aber auch die kommen im akademischen Kontext ohne das geschriebene Wort nicht aus und sind vom Betreuungs- und Bewertungsumfang komplizierter.

Kompletter Verzicht ist keine Lösung

Ein kompletter Verzicht auf die Hausarbeit als Prüfungsform zu Gunsten mündlicher Prüfungen kommt mir aus wissenschaftlicher Sicht zu kurzsichtig gedacht vor, auch wenn ich die wissenschaftliche Leistung eines gut recherchierten und präsentierten Vortrages nicht in Abrede stellen will.
Zur Person: Sotirios-Kimon Mouzakis ist Lehrbeauftragter am Skandinavischen Seminar Uni Freiburg (Neuere Literatur- und Kulturwissenschaft).