Meine Meinung: Haslach ist Freiburgs geilster Stadtteil

Maria-Xenia Hardt

Unter fudder-Autoren ist ein Wettstreit entbrannt. Wo ist Freiburgs bester Stadtteil? Heute plädiert Maria für ihr Haslach. Weil: So "asi" ist es da gar nicht. Und falls doch: "Asi" kann ganz schön geil sein.



Als ich zum Studium nach Freiburg gekommen bin, sagten alle: Zieh nicht nach Haslach, Kind, das ist ein ganz schlimmer Stadtteil. Gefährlich. So ein richtiges Ghetto. Also quartierte ich mich im Studentendorf im Vauban ein. Vor einem Jahr bin ich dann doch nach Haslach gezogen.

Erster offensichtlicher Pluspunkt: Haslach ist ein Shopping-Paradies. In Laufnähe gibt es Lidl, Aldi, Edeka, Netto, dm, mehrere Metzger, Bäcker (Pfeifle beliefert von hier die ganze Stadt mit lokalen Backwaren statt mit Tiefkühlteig aus Russland), Friseure, Änderungsschneidereien, Apotheken (mit Proteinpulver im Schaufenster, kenn deine Zielgruppe und so) einen italienischen Supermarkt, einen türkischen Gemüsemarkt, nebst Dönerbude und der wunderbaren Stammkneipe „Zum Hirschen“, wo man sich, wenn mal wieder alles länger gedauert hat, auf dem Nachhauseweg telefonisch eine Pizza bestellen und dann für faire 3,80 mitnehmen kann.

Und: Einkaufen in Haslach ist immer ein Erlebnis. Der Lidl am Dorfbrunnen ist das Zentrum der Hood, angeblich trennt die Filiale Haslach auch in zwei Teile: Alt-Haslach und Asi-Haslach. Ich wohne in Asi-Haslach, aber das nur nebenbei. An unserem ersten Abend in Haslach standen wir bei ebenjenem Lidl an der Kasse, eine Mitbewohnerin und ich, vor uns ein bekappter Halbwüchsiger mit Handy auf Lautsprecher. Vom anderen Ende hörte man: „Ey, bist du Laden?“, woraufhin der Kollege vor uns antwortete: „Ey, das heißt, bist du in die Laden, du Spast.“ Da war uns klar: Haslach ist eben nicht Vauban. Und, Hand auf's Herz, ist das wirklich ein Problem?

Im Ernst, was ist schlimmer: Wenn eine ältere Dame bei Lidl zwei Kilo Hack, eine Dose Katzenfutter und vier Klatschzeitschriften (Bild der Frau, Das Neue Blatt etc.) aufs Kassenband legt und zu mir sagt: „Dann kann ich heute Abend was lesen. Wissen Sie, wir haben nur einen Fernseher und man muss dem Mann ja auch mal eine Freude lassen, heute kommt Fußball“; oder wenn sich bei Alnatura im Gang mit den Dinkelkeksen eine erwachsene Frau auf den Boden schmeißt, mit den Fäusten auf eben jenen trommelt und schreit: „Du kriegst aber keine Kekse, du kriegst aber keine Kekse, du kriegst aber keine Kekse!“, weil sie offensichtlich einen Erziehungsstil verfolgt, bei dem sie ihrem Dreijährigen auf Augenhöhe und in seiner Sprache begegnen möchte. Also, ich finde es in die Laden jedenfalls wesentlich entspannter.



Richtig entspannt ist es auch am zweiten Umschlagplatz neben dem Dorfbrunnen, der Boulebahn neben dem Bolzplatz an der Uffhauser Straße. Unter dem wachen Auge von Sido, der von einem zerfledderten Plakat hinunter blickt, treffen sich überwiegend aus Männern bestehende Gruppen, um eine ganz ruhige Kugel zu schieben. Mit der einen Hand den Kinderwagen schieben, in der anderen ein schönes Bier, ein kleiner Plausch, ab und an den Stahlball über den Sand schubsen.

Ein Wort zur Bevölkerung insgesamt: Hier ist es einiges gemischter als anderswo in der Stadt. Hier wohnen Arbeiter und Arbeitslose, Rentner, haufenweise Kinder und dazwischen ein paar Studenten wie wir. Die Begegnungen sind vielseitig. Bei Lidl an der Kasse. Morgens in der Bahn, wenn mir eine Frau erzählt, wie sie heute schon das halbe Polizeipräsidium gesaugt hat, und dass ihre Tochter jetzt bald Mittlere Reife hat, während eine Sitzecke weiter deutsche Kinder einem nicht-deutschen Kind das Wort „Eichhörnchen“ beibringen. Am Wochenende nachts auf dem Weg in die Stadt, wenn eine Gruppe geschätzt Vierzehnjähriger uns mit 5-Liter-Vodka-Flaschen zuprostet. Nachmittags, wenn die Stunt Kids aus unserer Siedlung klingeln und uns zu ihrer Stunt Show einladen, wo zwei Kinder vor einer Rampe liegen und ein drittes mit dem Fahrrad drüber springt (Kommentar meiner Mitbewohnerin: „Ist es spießig, wenn ich sage, setzt einen Helm auf?“; Kommentar einer Nachbarin: „Ist es spießig, wenn ich sage, ihr holt euch noch einen Blasenentzündung, wenn ihr da auf dem Boden liegt?“).

Das einzige, was in Haslach wirklich so richtig "asi" ist, sind die Apostrophe: Wie wär's mit einer Maniküre bei Choco Nail's oder einem fettigen Hähnchen von Ela's Hähnchen Grill? Oder willst du erst noch im Reformhaus Handy's aufladen?



Zur Person


Maria-Xenia Hardt, kurz Maxi, studiert Amerikanistik und Anglistik, nebenher arbeitet sie unter anderem für fudder. Sie hat jeweils ein Jahr in Schottland und Texas verbracht und ist auch sonst viel unterwegs. In Haslach wohnt sie mit sechs Freunden in einem magischen Castle, wo man vor allem ihre Tätigkeiten als Hoffotografin und ihren exzellenten Musikgeschmack schätzt. Ihre Leidenschaft gilt guten Geschichten – literarischen, journalistischen und lagerfeurigen.

"Meine Meinung"

Mit "Meine Meinung" will fudder Menschen eine Plattform bieten, um ihre Meinung zu einem Thema, das in Freiburg debattiert wird, darzulegen. Es handelt sich bei dem Beitrag um die Meinung des jeweiligen Autors, nicht um die der Redaktion.

Mehr dazu:

[Foto 1: Petra Günnewig, restliche Fotos: Maria Hard]

Foto-Galerie: Maria-Xenia Hardt

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