Meine Meinung: Glutenfrei nervt? Ich find’s super!

Paula Kühn

Glutenfreies Essen ist zu einem wahren Trend geworden. Aber ist Gluten wirklich so schlimm? Für die Autorin schon, für einen Großteil der Bevölkerung jedoch nicht.

Gluten als Gift

"Ich habe Zöliakie". "Bitte was?" "Zö... ach, egal! Nein danke, ich möchte gerade keinen Keks." Wie oft habe ich in meinem Leben schon versucht zu erklären, dass ich Gluten wirklich und ganz ehrlich nicht essen darf. Weil ich sonst krank werde, weil mein Bauch anschwillt, mein Darm sich entzündet und das nicht nur höllisch weh tut, sondern mitunter auch ziemlich gefährlich werden kann.

Studien dazu gibt es noch nicht besonders viele. Zwar wird auf dem Gebiet viel geforscht, es werden auch Statistiken aufgestellt, aber wirklich viel scheint die Forschung noch nicht zu wissen. Eine wirkliche Klarheit über Gluten und Glutenunverträglichkeit gibt es also eigentlich noch gar nicht.

Seit wann ist Dinkel ungesund?

Was es aber seit einigen Jahren immer mehr gibt, ist glutenfreies Essen. Schön für mich, wirklich! Früher gab’s bei mir nur Reiswaffeln, und wenn ich Glück hatte, gelang vielleicht einmal das selbstgebackene Brot aus glutenfreiem Mehl und schmeckte sogar noch einigermaßen gut. Heute kann ich zwischen Kürbiskern-, Sonnenblumen- oder Mehrkornwecken entscheiden, kann Brownies essen und sogar Bier trinken.

Und das Beste: In Lokalen stammeln die Kellner nicht mehr irgendwas von: "Nein, kein Glutamat im Essen" und tischen mir dann Salate auf, deren Soße mit Weizenstärke verdickt ist. Heute kennt sich jeder bestens aus, kann mich über alle möglichen Allergene aufklären und oft muss ich noch nicht einmal den Kellner fragen, weil das glutenfreie Essen auf der Karte eigens gekennzeichnet ist.

Noch nie war ich für einen Trend so dankbar wie für den Trend des glutenfreien Essens. Aber um ehrlich zu sein, so ganz verstehen tu ich ihn nicht. Ich habe noch nie gehört, dass Dinkel oder Roggen ungesund wären, und gerade in Dinkel ist besonders viel Gluten. Was jemand mit der Diagnose Zöliakie also unbedingt vermeiden sollte, ist für andere wieder sehr gesund. Spätestens seit Giulia Enders Buch "Darm mit Charme" wissen wir ja auch: Der Darm ist ein höchst individuelles Organ, das bei keinem gleich funktioniert.

Ist Gluten wirklich so schlimm?

Die Dunkelziffer, wie viele Menschen an Zöliakie leiden, ist recht hoch, allerdings schätzt man, dass etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung tatsächlich betroffen sind - eine Zahl, die bei den immer voller werdenden Glutenfrei-Regalen in den Supermärkten irgendwie etwas lächerlich wirkt. Hinzu kommen Menschen, die unter einem Reizdarm leiden und dies einer sogenannten nicht-zöliakischen Glutensensitivität zuschreiben, also auch auf Gluten verzichten. Und es gibt jede Menge Menschen, die sich mit Hilfe von Online-Portalen selbst diagnostizieren.

Ob die Beschwerden durch eine glutenfreie Ernährung abklingen oder sogar ganz verschwinden, wird wohl jeder selbst am besten wissen. Fest steht, dass es keine Einigkeit darüber gibt, ob und wenn ja, wie ungesund Gluten ist. Und so dankbar ich auch bin, dass ich mittlerweile fast überall etwas finde, das ich auch essen kann - ich bin mir sicher, dass dieser Glutenfrei-Hype ziemlich von den Lebensmittelkonzernen angefeuert wird.

Fazit: Iss, was dich glücklich macht! Das tu ich auch, und seit einigen Jahren hat sich meine Speisekarte tatsächlich um einiges erweitert. Dank des Glutenfrei-Trends!
Zöliakie ist eine chronische Erkrankung, bei der die Zufuhr von Gluten zu einer Entzündung der Darmschleimhaut führt und damit zu einer Rückbildung der Darmzotten. Die Oberfläche des Dünndarms verringert sich und so können nicht mehr genug Nährstoffe aufgenommen werden. Man geht davon aus, dass bei Erkrankten das Erbgut eine Rolle spielt, hat jedoch auch schon festgestellt, dass Umweltfaktoren, Infektionen und Ernährung zu einem Ausbruch der Krankheit führen können.

Gluten ist ein Proteingemisch, das in vielen Getreidesorten vorkommt und durch das bei der Verteigung das Klebereiweis entsteht.