Meine Meinung: Fußballer aller Länder, outet euch!

Martin Jost

Der Fußballer im Ruhestand Thomas Hitzlsperger erregte gestern mit seinem Coming-out Aufsehen. Seine Offenheit wurde allseits gelobt. fudder-Autor Martin Jost findet: Hoffentlich gibt es bald mehr solcher Nachrichten – damit es bald niemanden mehr interessiert.



Thomas Hitzlspergers Coming-out in einem ZEIT-Interview gestern hätte mich eigentlich kalt lassen müssen. Erstens bilde ich mir ein, weitgehend immun gegen Promi-Tratsch zu sein. Zweitens halte ich mich für total immun gegen Intoleranz, und von mir aus sollen alle das Geschlecht und die Sexualität leben, die ihnen passen. Drittens bin ich immun gegen Fußball und hatte bis gestern noch nie von dem Typ gehört.


Trotzdem finde ich die Nachricht super, dass ein richtiger Bundesliga- und Nationalspieler seine Homosexualität zum Thema macht. Wenn auch nur ein Ex-Irgendwas-Spieler. In einem fluter-Interview, das 2012 hohe Wellen schlug, blieb ein schwuler Bundesligaprofi noch anonym. Jetzt sind wir schon bei namentlichem Ex-Profi angekommen. Ich hoffe, dass es noch vor den olympischen Winterspielen in Sotschi ein paar aktive Spitzensportler schaffen, offen zu ihrer Homosexualität zu stehen.

Ein paar von euch könnten darauf verzichten, habe ich auf Twitter, Facebook und in Blogs gelesen. Solche Privatsachen interessieren uns doch gar nicht. Wir brauchen keine prominenten Vorbilder für die Okayheit von Homosexualität, denn Toleranz ist unser zweiter Vorname. Ich würde mich nach knutschenden Männern nicht mal mehr umdrehen. Ich habe sogar Facebookfreunde, die schwul sind. In meiner Filter Bubble ist die tolerante Gesellschaft doch längst Wirklichkeit!

Unnormal normal

Wenn das mal stimmt, ist sie es aber noch lange nicht im Rest der Welt. Ja, es stinkt, dass alle Nachrichtenseiten aus allen Rohren brüllen müssen, dass es keine Nachricht wert sein dürfte, dass ein Mann ganz normal auf Männer steht. Aber so ist das eben und je öfter und schneller sie das in der nächsten Zeit brüllen, desto schneller stimmt es auch. Ich glaube, das ist ein 1-A-Beispiel für eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn wir als Gesellschaft uns oft genug einreden, dass homo- oder sonstwiesexuell zu sein egal ist, dann wird es wahr. Bis dahin müssen wir noch eine Weile unnormal feiern, dass etwas Normales passiert.

Denn: Rein rechnerisch müsste ein Haufen Profifußballer schwul sein. Der anonyme Bundesligaspieler aus dem fluter-Interview sagte damals, dass diese ihr Privatleben komplett verstecken und sich sogar Freundinnen ausleihen, um den Schein zu wahren. Menschen, die fühlen, dass sie ihr Privatleben und damit einen Teil von sich verstecken müssen – das ist ungesund und falsch. Es ist eine Sauerei, dass man ihnen überhaupt Mut wünschen muss, um da raus zu kommen. Aber bis wir die Gesellschaft sind, von der wir uns einreden, dass wir sie sind (selbsterfüllende Prophezeiung, also schön weiter einreden!), braucht es eben Leute mit Mut. Und dafür braucht es Vorbilder.

Ob Prominente irgendwie in der Pflicht stehen, ihr Privatleben öffentlich zu machen, ist eine andere Frage. Ob sie Bock darauf haben, aus ihrem Privatleben Kapital zu schlagen, ist ihre Sache. Ob es ein Publikum gibt, das Zeitungen wegen Promi-Tratsch kauft, ist auch eine völlig andere Frage. (Gibt es, wird es immer geben und ist die Mehrheit, auch wenn keiner von uns dazu gehört.)

Die Frage ist im Moment: Gibt es schon genug Vorbilder? So lange noch Menschen Angst haben, zu ihrem Lieben zu stehen und zwar wegen Pseudo-Toleranz von der Sorte: „Ist mir doch egal, was Schwule privat machen, die sollen mich nur damit in Ruhe lassen“, so lange braucht es noch mindestens ein Vorbild mehr. Homosexuelle Schauspieler gibt es wie Sand am Meer und auch nach offen homosexuellen Promi-Politikern muss man nicht lange suchen. So lange es aber in irgendeiner Ecke noch nicht okay ist, du selbst zu sein – egal, ob im Spitzensport oder in deinem piefigen Dorf – braucht es noch mindestens ein Vorbild mehr. Die Frage ist jetzt: Wie viele Vorbilder nutzen den unschätzbaren Wert ihrer Prominenz, damit die selbsterfüllende Prophezeiung wahr wird? Und wir endlich so normal werden, wie wir glauben, dass wir sind.

Zum Autor


Martin Jost studiert Geschichte und Englisch an der Uni Freiburg und arbeitet nebenher er als freier Journalist und Computerhiwi.



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[Bild 1: AFP]