Meine Meinung: Euch Rassisten geht es nicht um die Kölner Frauen

Jule Markwald

In der Silvesternacht wurden am Kölner Hauptbahnhof Dutzende Frauen sexuell belästigt und ausgeraubt. Weil die Tatverdächtigen "nordafrikanisch" oder "arabisch" aussehen sollen, geht die Debatte nun in die falsche Richtung, findet fudder-Autorin Jule Markwald:



Es war unvermeidlich, ich wusste es eigentlich schon in dem Moment, in dem ich mich zu dieser Gesprächsrunde gestellt habe. Ich hätte mir noch ein Bier holen sollen. Hier gibt es zwar nur lauwarmes Oettinger, aber alles ist besser als hier zu stehen.


Denn sie sprechen von Köln, von den Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht. Von den „Ausländern“, die Frauen begrapschen und Handys klauen. Und ich bin viel zu müde und zu angetrunken für die Diskussion, die ich jetzt leider beginnen muss.

Mit dem Vollpfosten, der mir gegenüber steht und von „Schwarzköpfen“ spricht und dass man „die Muslime“ wieder „aufs Boot“ stellen sollte, wenn sie sich nicht benehmen können. Der mir allen Ernstes ins Gesicht schaut und sagt: „Dass sich deutsche Frauen jetzt unsicher auf den Straßen fühlen müssen, das kannst du doch nicht wollen – gerade als Frau!“

Das stimmt, lieber Vollpfosten!

Nein. Das stimmt, lieber Vollpfosten. Das kann ich nicht wollen und ich tue es auch nicht.

Dass ich eine Frau bin, spielt für mich dabei keine Rolle, denn auch als Mann kannst du so etwas nicht wollen. Auch als Mann sollte es dir gegen den Strich gehen, dass Frauen sich unsicher fühlen. Das ist aber leider eine Tatsache und nicht erst seit dem Vorfall in Köln. Nicht erst seitdem die „Ausländer“ da sind.

Frauen fühlen sich „jetzt“ nicht unsicherer auf den Straßen dieses Landes, zumindest nicht die, die ich kenne. Und ich kenne so einige.

Ich trage nicht erst seit Köln ein Pfefferspray mit mir herum. Ich war in der zweiten Klasse, als meine Mutter mir beibrachte, dass man einem bösen Mann in die Eier treten muss, wenn der einen auf dem Schulweg belästigen sollte.

Ich kenne viele, viele mutige Frauen, aber selbst die Mutigsten und Draufgängerischsten von ihnen nehmen nachts auf dem Nachhauseweg beim Musikhören die Ohrstöpsel raus. Zumindest einen. Damit sie den etwaigen Vergewaltiger hören und schnell weglaufen können.

Wir reden zu wenig darüber

Ja, als erklärte Feministin finde ich es toll, dass auf einmal alle über Gewalt gegen Frauen sprechen wollen, denn wir sprechen immer noch viel zu wenig darüber! Über sexuelle Belästigung, über Nötigung, über Ausgeliefertsein.

Laut der Weltgesundheitsorganisation wird jede dritte Frau in ihrem Leben einmal Opfer von sexueller Gewalt. Wir schießen Raketen auf den Mars, kriegen es aber scheinbar nicht hin, unseren Jungs beizubringen, dass Vergewaltigung und Schläge große Scheiße sind!

Mir ist bislang nichts passiert. Abgesehen von fremden Händen, die auf einer dunklen Tanzfläche plötzlich in meinem Schritt landeten und einem alten Sack, der sich in der U-Bahn einen auf mich gerubbelt hat.

Ich zähle zu den Frauen, die sich sehr, sehr glücklich schätzen können. Ich habe viele Freundinnen, die es nicht so gut erwischt haben. Die vergewaltigt und misshandelt wurden. Die nachts auf dem Heimweg plötzlich um ihr Leben rennen mussten.



Ein ekelhaftes Monstrum in brauner Panade

Ja, lieber Vollpfosten, ich glaube ich habe eine ganz gute Vorstellung davon, wie sich viele deutsche Frauen fühlen, wenn sie nachts oder alleine auf den Straßen dieses Landes unterwegs sind. Ich maße mir sogar an zu sagen, dass ich eine deutlich bessere Vorstellung davon habe als du.

Ich finde es bezeichnend, dass nach dem Vorfall von Köln nicht wirklich über Gewalt gegen Frauen gesprochen wird – oder darüber, wie man sie verhindern kann. Stattdessen wird die Diskussion in brauner Panade gewälzt und in garantiert deutschem Öl frittiert. Und zum Schluss will keiner mehr dieses ekelhafte Monstrum anfassen, aus Angst sich die Finger zu verbrennen.

Also wird gar nicht darüber gesprochen und den Vollpfosten dieser Nation das Parkett überlassen. Denn die mögen Braunfrittiertes richtig gerne. Und sie beraten sich darüber, wie man den „Flüchtlingen“ und „Ausländern“ endlich mal beibringt, dass in diesem Land Frauen respektiert werden.

Setz dich selbst in den Sandkasten!

Mit gutem Beispiel voranzugehen, ist in den allermeisten Fällen eine gute Methode. Der Mensch ist einfach gestrickt und Nachmachen ist so viel einfacher, als sich selbst ständig Blödsinn auszudenken.

Ich habe mal ein Praktikum im Kindergarten gemacht. Da habe ich gelernt: Du willst, dass sich das Blag in den Sandkasten setzt? Dann setz dich erst mal selber rein! Du willst, dass andere Männer keine Frauen vergewaltigen? Dann behandle die Frauen um dich herum respektvoll und freundlich und begleite deine Mädchenfreunde nach einer durchsoffenen Nacht nach Hause!

Hör uns zu und hinterfrage dein eigenes Verhalten anstatt die Schuld grundsätzlich auf Andere zu schieben!

Ein fieser Verdacht

Es könnte so einfach sein. Allerdings habe ich einen fiesen Verdacht: dass es nämlich gar nicht wirklich um Gewalt gegen Frauen geht. Sondern um Braunfrittiertes. Und weil sich die Frauen auch endlich mal nützlich machen könnten, wird das Ganze in eine Frauenrechte-Serviette eingewickelt. Damit man es wieder gerne anfassen mag.

Tja, dieses plumpe Manöver nehme ich leider persönlich. Denn Frauenrechte sind „my jam“! Über Feminismus diskutiere ich mit dem gleichen Enthusiasmus wie ein Fünfjähriger, der ein Schokoeis isst. Manchmal esse ich dabei auch Schokoeis. Oder trinke Rotwein. Beides hilft.

Nur instrumentalisieren lasse ich mich leider richtig ungern. Vor allem nicht von Vollpfosten, die ihre Sätze mit „du als Frau“ beenden und sich nicht zu schade sind, ihre kruden Ansichten zur Lage der Nation mit allen Mitteln zum Ausdruck zu bringen.

Dein Monstrum darfst du deshalb behalten – Braunfrittiertes stößt mir leider immer schlecht auf.

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[Foto 1: dpa Picture Alliance, Foto 2: privat]