Meine Meinung: El.Pi-Betreiber Dietmar Ganzmann findet, dass es beim Lärmstreit eigentlich um die Lebenskultur in Freiburg geht

Dietmar Ganzmann

Dietmar Ganzmann ist der Betreiber des El.Pi in der Schiffstraße. Die legendäre Studentendisko gehört nach Ansicht von Lokalverein-Sprecher Christian Himmelsbach zu den nächtlichen Lärmquellen in der Innenstadt. Grund genug für Dietmar Ganzmann, seine Sicht des Gesamtproblems zu schildern. Er fragt: "Viel Lärm in der Stadt – um nichts?"



„200 gepeinigte Mitbürger im Dauer-Wachkoma“ oder „Studis gehören um 23 Uhr ins Bett, damit sie tagsüber was lernen können“ - so oder ähnlich würde die Boulevardpresse titeln. Doch die Realität ist schwieriger: Es geht um Lebenskultur, Liberalität und Toleranz. Um Arbeitsplätze und um die Zukunftsfähigkeit einer Stadt. Es geht um den Umgang einer Mehrheit mit einer Minderheit und den Umgang einer Minderheit mit einer Mehrheit. Es geht um Streitkultur und um Ausübung von Macht. Es geht um „leben und leben lassen“ – als Anspruch auf dem Papier oder als Lebenswirklichkeit. Aber der Reihe nach.


Wer hat die Geister eigentlich gerufen?

Freiburg ist eine dynamische Stadt. Gewollt. Die FWTM will Touristen und Stadt-Event-Reisende. Die Stadt will BioTech und Solares: Damit Arbeitsplätze entstehen und der Forschungsstandort attraktiv bleibt und attraktiver wird. Die SC-Fans wollen ein neues Stadion, damit wir Euro-League-Spiele bekommen und Austragungsort für die Frauen-EM werden. Die Uni will mehr Studenten (Höchststand 2013: 34.000), damit sie im Ranking besteht. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen da sind und dass diese Menschen im Stadtzentrum unterwegs sind - am Wochenende auch abends und bisweilen sogar nachts.

Belästigen diese Menschen in der Stadt andere - zum Beispielt mit Lärm -, dann ist das auch jetzt schon reglementiert. Der Belästigte kann die Polizei einschalten, Anzeige erstatten und sogar – wenn ein ursächlicher Schaden auszumachen ist - auf Schadensersatz klagen. Zuständig dafür sind die Vollzugsorgane – sprich die Polizei. Sie hat die Aufgabe, die Gesetze durchzusetzen. Fehlt es an Personal, ist die Politik gefordert – und zwar das Land Baden-Württemberg und nicht die Stadt Freiburg.

Freiburg hat nicht mehr die 180.00 Einwohner aus dem Jahr 1984, sondern weit über 200.000 Einwohner plus 30.000 Studenten. Dazu kommen Touristen und Städte-Event-Reisende. Am Wochenende bedient und profitiert Freiburg von einem Einzugsbereich von 350.000 bis 400.000 Menschen aus Freiburg, aus dem Umland, dem Elsass und der Schweiz. So viel Realismus muss sein.

Mit dem Zeigefinger auf den Schuldigen

Das ist aber nicht so. Als der Gemeinderat Vorschläge von der Stadtverwaltung zur Lärmproblematik einforderte, gab es nur eine Empfehlung: die Öffnungszeiten der gastronomischen Betriebe zu verkürzen. Nur polemisch und unpassend ist da der (tatsächlich geäußerte) Rat eines Verwaltungsmenschen, Tee statt Alkohol zu servieren. Angesichts der oben beschriebenen Entwicklung muss man das leider als Armutszeugnis werten. Die vielen Menschen sind nicht in der Stadt, weil die Gastronomen sich eine goldene Nase verdienen wollen. Sie sind da und Ergebnis einer von vielen gewollten und geplanten Stadtentwicklung. Und es ist auch nicht besonders schwer, sich vorzustellen, dass die vielen (jungen) Menschen auch dann und wann nachts unterwegs sein werden, wenn die Kneipen und Diskotheken zu sind. Aus Vorglühen wird dann eben Nachglühen.

Gerne unterschlagen wird auch, dass die rund 1000 Gastronomiebetriebe in Freiburg mit Hunderten von Arbeitsplätzen alleine eine riesige Lohnsumme erwirtschaften und die Stadt daraus Steuerzuweisungen und zusätzlich Gewerbesteuer bezieht. Wobei ein gastronomischer Betrieb beileibe keine 20 Prozent Umsatzrendite erzielt, sondern sich mit drei bis vier Prozent zusammen zum Beispiel mit Handwerksbetrieben in einer Rentabilität bewegt, bei der der Arbeitseinsatz des Unternehmers in keinem Verhältnis zu seinem Einkommen steht.

Mit dem Zeigefinger auf die Gastronomie zu zeigen, ist das Ergebnis der (verzweifelten) Suche nach einem Schuldigen. Nicht anders als beim Rauchverbot. Fakt ist auch, dass die vermeintlich schuldigen Gastronomen und Diskobetreiber in den letzten Jahren schon investieren mussten. Zum Beispiel, weil die Stadtverwaltung offen damit drohte, die Genehmigung für längere Öffnungszeiten nicht mehr zu erteilen, wenn keine zusätzlichen Türsteher eingestellt werden. Kosten: 40.000 Euro pro Mann und Jahr. Was im konkreten Fall damit gerechtfertigt wurde, dass es im Laufe von zwei Jahren zu drei polizeilich erfassten Beschwerden kam, von denen nicht einmal klar war, ob diese dem Gastronomiebetrieb oder dem nächtlichen Besucherstrom zuzuordnen waren.

Kompromiss ist geben und nehmen

Wer den Gastronomen zehn Prozent und mehr vom Umsatz nehmen will, muss etwas geben. Es geht nämlich um die zehn Prozent, mit denen der oben erwähnte Unternehmerlohn verdient wird. Rechnet sich das Geschäft nicht mehr, verlieren nicht nur er, sondern mehr als die Anzahl der Lärmgeschädigten in Freiburg ihren Arbeitsplatz, die zum Beispiel ein Studium damit finanzieren. Insofern ist es nicht zu viel verlangt, wenn genervte Innenstadtbewohner in Schallschutz investieren und mit dem Schlafzimmer entgegen jahrzehntelanger Gewohnheit in Richtung Innenhof umziehen, wenn dies möglich ist. Oder das Fenster nachts geschlossen bleibt. So wie es die meisten Menschen, die neben dem Zubringer oder an Durchgangsstraßen wohnen, eigentlich schon immer tun.

Zumal die Frage erlaubt ist, um wie viele betroffene Menschen es eigentlich geht. Unter den angeschriebenen und zur Unterstützung aufgerufenen Innenstadtbewohnern gab es nach eigenen Angaben circa 20 Prozent Rücksender, die sich angesprochen fühlten. Im Raum stehen also circa 200 Personen*, die die Aktionen und Ziele der Lärmgeplagten teilen.

Jedenfalls ist es kein Kompromiss, wenn die Betroffenen zunächst eine kurze Sperrzeitverlängerung durchsetzen. Um dann, wenn man feststellen wird, dass das nichts bringt, eine längere Sperrzeitverlängerung womöglich auf dem Gerichtsweg durchsetzen werden und von Freiburgs „leben und leben lassen“ nichts übrig bleibt als gähnend Leere und totenstille Innenstadt-Gassen, in denen ab 23 Uhr selbst das Memminger oder Meppener (Entschuldigung!) Nachtleben wie Sodom und Gomorrha erscheint.

Selbst im spröden Stuttgart soll es noch immer Kneipen geben, die über die ganze Nacht geöffnet sind und in denen Essen serviert und munter geraucht wird. Trotz oder wegen eines grünen Bürgermeisters. Hier in Freiburg ist das nämlich nicht möglich. Da wird sogar das Tanzverbot von Kontrolleuren in Zivil flächendeckend überwacht.

Wenn sich ein Unternehmer mit der Hingabe, Professionalität und Investitionsbereitschaft seiner Zukunftsfähigkeit widmen würde, die die Verantwortlichen der Stadt und ihre Verwaltung in dieser Angelegenheit an den Tag legen, würde er vielleicht kurzfristig aber noch nicht einmal mittelfristig überleben. Das vorliegende TÜV-Gutachten aus 2012 stellt klar, dass der Lärm-Output „niemandem außer den Menschen in der Stadt“ zugeordnet werden kann - um es einmal klipp und klar zu sagen.

Alle vorgeschlagenen Maßnahmen (VAG-Angebote, Verkürzung der Öffnungszeiten, Ordnungsdienst, Sozialarbeiter) werden den Mainstream lediglich punktuell und auf keinen Fall in einem Umfang aufhalten, der für die Lärmgeschädigten akzeptabel sein könnte. Auch ein neues Gutachten wird außer vertaner Zeit und unnützen Kosten keine neuen Erkenntnisse bringen. Den angestrebten Zustand können nur Vorschriften, Überwachung und Kontrolle, Verbote und Strafen herstellen. Das zu tun wäre Aufgabe der Stadt. Oder die Stadtverwaltung bekennt sich dazu, dass sie eine dynamische Stadt fördern, eine solche wollen und dazu stehen. Beides zu haben – Nachtruhe und Dynamik – geht nicht zusammen.



Zur Person


Dietmar Ganzmann
ist seit 35 Jahren El.Pi-Gastronom und betreibt auch das Restaurant "Brennessel" im Stühlinger.

*Hinweis der Redaktion:

Dietmar Ganzmann bezieht auf die Lärm-Umfrage des Lokalvereins Innenstadt. Der Fragebogen wurde an 4000 Haushalte mit insgesamt 7000 Bewohnern in der Altstadt versendet, 800 Fragebögen (20%) kamen zurück. 52 Prozent der Fragebogeneinsender fühlten sich durch Lärm mittel bis sehr stark gestört (= 415 Fragebogeneinsender); genervt durch Lärm aus Kneipen oder von deren Freisitzflächen waren knapp 30 Prozent (= 240 Fragebogeneinsender).  

Mehr dazu:

[Bild 1: Carolin Buchheim; Bild 2: Rita Eggstein]