Meine Meinung: Die Freiburger Außenstelle der Kunstakademie muss gerettet werden

Philip Hehn

Die Freiburger Außenstelle der Staatliche Akademie der Bildenden Künste Freiburg soll geschlossen werden. Für fudder-Autor Philip Hehn ist die Außenstelle ein Ort, an dem sein Horizont "geradezu aufgesprengt" wurde. Die Außenstelle muss gerettet werden, fordert Philip - und dann müssen die Studienbedingungen verbessert werden.



Zunächst fünfzig junge Künstlerinnen und Künstler weniger gäbe es in Freiburg, wenn die Außenstelle Freiburg der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe tatsächlich geschlossen werden sollte. Über die Jahre wäre der Verlust für die Stadt gewaltig.

„Die Kultur“ in Freiburg stürbe mit der drohenden Schließung der Außenstelle nicht aus. Die Institutionen der Street Art, die Musikhochschule, das Theater, DJs, Bands, eine Vielfalt von Projekten, Szenen, Akteuren bliebe. Trotzdem: eine klaffende Lücke täte sich auf. Wenn die Akademie-Nachwuchskünstler statt nach Freiburg künftig nach Karlsruhe gingen, würde aus Freiburg ein wichtiger, ganz eigener kultureller Einfluss verschwinden. Für die Bürger dieser Stadt, und für alle jungen Menschen, die zum Studieren hierher kommen, wäre das ein tragischer Verlust.

Vor zehn Jahren kam ich als kein bißchen kunstaffiner Ersti aus einem schwäbischen Dorf nach Freiburg und bekam über Freunde Kontakt zu den Studierenden der Akademie, ganz normalen Gleichaltrigen, die ihre Klamotten an die Wand nagelten, Löcher in Atelierwände meißelten und generell Dinge ästhetisch und faszinierend machten, die ästhetisch und faszinierend zu finden mir vorher nie in den Sinn gekommen wäre.

Mehr noch als meine Vorlesungen an der Uni war jeder Besuch in den Ateliers und auf den Ausstellungen der Studierenden der Außenstelle eine Chance, Gedanken zu denken und Dinge zu sehen, die ich sonst nicht gesehen oder gedacht hätte. Mein Horizont wurde weniger erweitert als geradezu aufgesprengt. Ich zehre bis heute davon. Das Gefühl, wenn ein Kunstwerk klickt und schräge neue Dinge im Gehirn auslöst, ist unvergleichlich. Wäre die Außenstelle nicht hier, Generationen von Menschen wie mir blieben solche Erfahrungen etwas ferner. Freiburg würde enger, grauer, kleinstädtischer und flacher.

Die Studierenden der Außenstelle bringt der mögliche Umzug in ein Dilemma. Die kunstinteressierten Bürger der Stadt schätzen die Vorteile, die die Außenstelle mit sich bringt, ja durchaus sehr und möchten sie behalten, und keiner der Studenten, mit denen ich gesprochen habe, ist ungern in Freiburg. Die Akademie ist aber, bei allen großartigen Nebeneffekten, vor allem eine Ausbildungsstätte. Die Studenten der Akademie sollen hier eine Ausbildung bekommen und Weichen für ihren Lebensweg stellen, und hier liegt einiges im Argen, das einen Umzug nach Karlsruhe für die Studenten gar nicht so unattraktiv machen würde.

Dass man es offenbar jahrelang nicht geschafft hat, Details wie ein in Freiburg statt Karlsruhe gültiges Semesterticket oder freien Eintritt in die städtischen Museen zu organisieren, wie jetzt herauskommt, dass über Jahre nicht ausreichend Werkstätten, Lagerräume oder ein Lastenaufzug zum Materialtransport  in die Räume der Akademie zur Verfügung gestellt werden konnten, das ist schade. Die Akademie bringt für winzige Kosten jedes Jahr aufs Neue ein knappes Dutzend junge Kunsttalente nach Freiburg, die die Stadt mit Leben füllen sollen und dann keinen Lastenaufzug für ihre Arbeitsmaterialien bekommen, obwohl es an gegenseitiger Wertschätzung und gutem Willen eigentlich nicht mangelt.

Falls das Ende der Außenstelle noch abgewendet werden kann, was zu hoffen ist, darf es daher bei einer Fortschreibung des status quo nicht bleiben. Mit einer Verteidigung Freiburger „Eigentums“ gegen den Rechnungshof oder wo auch immer man den „Schuldigen“ ausmachen möchte ist es nicht getan.

Der Außenstellenstatus hat seine Probleme. Die wichtigen Ausstellungen des Studienjahres finden selbstverständlich in der Hauptstelle statt, also für die Freiburger Bürger aus den Augen, aus dem Sinn, und manche Studierenden fühlen sich in Freiburg mitunter als mit mäßigem Interesse betrachteter Karlsruher Fremdkörper. Alles, was die Verwurzelung und die Sichtbarkeit der Außenstelle in der Stadt erhöht, wäre zu begrüßen. Die bestehenden, durchaus nicht unüberwindlich scheinenden Probleme müssen gelöst und die Position der Außenstelle in der Stadt gestärkt werden. In einem Außenstellen-Blog könnten die Aktivitäten, Veranstaltungen und Werke der Freiburger Kunststudenten zentral präsentiert werden. Noch mehr Bürger und Journalisten, wäre zu wünschen, würden Begeisterung für die Kunst auch dann zeigen, wenn nicht gerade die Schließung droht.

Die Studenten, mit denen ich gesprochen habe, möchten jedenfalls nicht sang- und klanglos aus Freiburg verschwinden, die bestehenden Strukturen, Institutionen, Preise, betonen sie, schätzen sie und möchten sie daher auch für zukünftige Studierende erhalten. Die Initiative zur Diskussion in der vergangenen Woche ging denn auch maßgeblich von ihnen aus. Es ist zu hoffen, dass wir in ein paar Jahren auf diese Ereignisse als einen heilsamen Schrecken zurückblicken könnten.

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