Meine Meinung: Die Ersti-Tüte ist Müll

Laura Wolfert

Der erste Tag des Semesters. Studierende stürmen vor die Mensa, denn es gibt sie endlich wieder: Die Ersti-Tüte, gefüllt mit Werbegeschenken. Unsere Autorin findet: Die Ersti-Tüte ist Müll. Müll, der nach Geschlechtern getrennt wird.

Mit Sonnenbrille und braungebrannter Haut wartet meine Kommilitonin vor den Türen der Mensa. Sie war in den Semesterferien auf Reisen, ich habe sie seit knapp zwei Monaten nicht mehr gesehen. Sie läuft mir lächelnd entgegen, freut sich, dass wir uns endlich wiedersehen – doch mein Blick schweift links an ihr vorbei: Da, ein Stand mit Ersti-Tüten! Ersti-Tüten!


Ich muss schnell sein, laufe zackig an ihr vorbei, drücke mich mit meiner Uni-Tasche zwischen die anderen Studierenden. Jeder will sie haben: die eine Tüte. Voller wäre es wohl nicht mal mehr bei der Eröffnung eines Zaras in Freiburg. Eine Frau reißt einen riesigen Karton auf. Ersti-Tüten. Hunderte Ersti-Tüten. Sie verteilt sie im Sekundentakt.

"Nein, die ist nur für Männer" Ersti-Tüten-Verteiler


Auch ihr Kollege packt einen Karton nach dem anderen aus. Meine Finger kribbeln. Ich strecke meinen Arm aus und greife gierig nach einer. "Nein, die ist nur für Männer", sagt der Mann, der sie verteilt. Ich runzle die Stirn, drücke mich ein Stück nach links zu der Frau. Dann: Zack! Meine Tüte!

Ich öffne die Tüte. Enttäuscht krame ich zwischen Werbeblättern, such nach etwas Nützlichem. Vergebens. Eine Binde. Eine Extra-super-ultra-always-Binde, die fast größer ist, als die Maxi-Zeitschrift. Auch die ist Teil des Goody-Bags - aber von Oktober 2016. Herbst-und Wintertrends für das Sommersemester - wer will das nicht? Wem bisher nicht bekannt war, dass sich Brad Pitt und Angelia Jolie getrennt haben: der weiß es eben jetzt, ein halbes Jahr später. Aber die Maxi-Zeitschrift ist nur für Frauen. Die Männer-Tüten enthalten den Uni-Spiegel. Den bekommen wiederum die Frauen nicht.

Die Trennung nach Geschlechtern ist beschämend

Ja, die Tüten werden nach Geschlechtern getrennt. Beschämend, finde ich. Auf dem Universitäts-Gelände, dort, wo man "Gender-Studies" studieren kann, hunderte Bücher über Geschlechtergerechtigkeit in den Regal stecken, wo sogar die Überlegung war, ob Unisex-Toiletten eingeführt werden: hier unterscheidet man bei einer Geschenk-Tüte, ob man männlich oder weiblich ist.

Ebenfalls beschämend: Das so eine riesige Binde für Frauen in der Tüte steckt. Keine Frau freut sich darüber. Keiner wird sie nutzen. Keine Frau findet es gut, wenn man sie auf ihre Probleme hinweist: "Du bist eine Frau, du hast deine Tage. Das ist ein Problem beim Studieren, also hier: eine große Binde für große Probleme". Wieso steckt in den Tüten der Männer dann keine Viagra-Pille? Oder kein Auto-Magazin? Besser: Ein Playboy-Heftchen.

Wenigstens gibt es ein Bier zur Entschädigung

Nichts gegen die Maxi-Zeitschrift, aber ich, als Frau, lese auch gerne den Uni-Spiegel. Und vielleicht gibt es auch Männer, die gerne in der Maxi blättern würden. Aber nein: "Diese Tüte ist nur für Männer und diese Tüte ist nur für Frauen". Gut finde ich hingegen das Bier. Wenigstens gibt es für beide Geschlechter ein richtiges Pils – und kein Radler für Frauen.

Meine Kommilitonin kommt ebenfalls erfolgreich mit einer Tüte zurück. Wir drücken uns, piepsen, lachen. Wir sind wieder vereint. Auch sie kramt in der Tüte. Ihr lachendes Gesicht verzieht sich zu einer bösen Miene: "Echt jetzt? Wieder eine Binde?". Wir freuen uns über die Ovomaltine-Creme, das Ovomaltine-Pulver, Gummibärchen. Von diesen "Handy-Saubermach-Tüchern" habe ich aber auch schon genügend. Was übrig bleibt: Werbung. Die Mülleimer stecken alle voll mit diesen Tüten. Sie liegen zerrissen auf dem Boden. Überall fliegen die Flyer herum, die keiner haben will.

Übrig bleibt nur Müll

Nach einer knappen Stunde gibt es keine Tüten mehr. Nur ein Haufen Papier, das entsorgt werden muss. Der "beste" Inhalt der Tüte: Papers zum Drehen von Zigaretten oder Joints. Großartig. Fehlt eigentlich nur noch das Gras. Und einen Kugelschreiber. Denn den brauchen Studierende wirklich.

Ja, die Tüten sind Geschenke. "Einem geschenkten Maul schaut man nicht ins Maul" – und ich freue mich über die Gratis-Ovomaltine. Stimmt schon, auch ich wollte unbedingt eine Ersti-Tüte haben. Doch ich finde und sehe ein: Die Ersti-Tüten werden überschätzt. Was nach einem Kampf um Binde und Bier übrig bleibt ist viel zu viel Müll – Müll, der nach Geschlechtern getrennt wird.

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