Meine Meinung: "Deutschland braucht geschlechtsneutrale Höflichkeit, keine Gentlemen!"

Laura Maria Drzymalla

Play fair, Baby! Nachdem Corinna Wölm hier für mehr deutsche Gentlemen plädierte, schießt Laura Drzymalla zurück: "Wir brauchen keine Gentlemen, wir brauchen Höflichkeit - geschlechterunabhängig!" Ihre Replik:



Deutschland braucht mehr Gentlemen, forderte an dieser Stelle Corinna Wölm. Den Gedanken an mehr Hilfsbereitschaft finde ich eigentlich sehr schön. Nur darf der Gedanke an dieser Stelle nicht einfach aufhören - und rein an die Männer gerichtet werden. 


Gentlemen, die mich im richtigen Moment als Frau wahrnehmen - so stelle ich mir das nicht vor. Ich fühle mich dann in eine Rolle gedrängt, die ich nicht zwangsläufig spielen will. Die Diskussion über Mann, Frau, Klischee und Definition ist doch längst überholt. Und sie ist albern, so funktioniert es nicht mehr.

Bin ich als Frau denn per se unfähig, eine Glühbirne in eine Fassung zu drehen oder mir meinen Mantel alleine anzuziehen? Darf ich nur Aufgaben erledigen, die in einem Radius von drei Metern Entfernung der Küche zu tun sind, weil man das mal so für Frauen beschlossen hat? Nicht mal die 50er Jahre wollen diese Rollenverteilung zurück.

"Ich kann meinen Koffer selbst tragen"

Muss ich denn, wenn ich mir von einem Mann in den Mantel helfen lasse, ihn nicht konsequenterweise in diesem Moment als Mann wahrnehmen und als solchen behandeln? Als Projektionsfläche für eine stereotype Figur, die Dinge tun muss, damit wir Frauen glücklich sind?

In diesem Zusammenhang bedeutet das für mich nur, mich als zartes und schwaches Wesen betrachten zu lassen, dem darüber hinaus jegliche eigene Verantwortung abgesprochen wird. Ein Wesen, das auf permanente Hilfe angewiesen ist. Ich kann aber generell meinen Koffer sehr gut selbst die Treppen hoch befördern. Ich habe ihn gepackt und niemand anderes steht in der Verantwortung, das für mich auszubaden.

Sollte er zu schwer sein, freue ich mich über Hilfe und fühle mich auch nicht degradiert. Aber mein Geschlecht und das meines Helfers ist an dieser Stelle absolut unerheblich. Manchmal helfe auch ich Männern beim Tragen von schweren Dingen. Wenn ein Mann weiß, wie man einen Reifen wechselt und ich nicht, dann ist es toll, wenn er es mir beibringt. Aber dann will ich den nächsten auch selbst wechseln können.

Hier geht’s doch eigentlich um was anderes. Aufmerksam zu sein, wo Mitmenschen meine Hilfe benötigen, bewusst miteinander umgehen und Wissen zu teilen. Dazu den anderen als Persönlichkeit wahrzunehmen, mit allem was er kann und was er nicht kann.

Mädels, vergesst diese Erwartungshaltung an Geschlechter! Wenn eine Pfütze vor euch ist, dann muss nicht der Mann seinen Mantel in die Pfütze legen, damit ihr mit hohen Schuhen darüber laufen könnt. Hüpft bitte einfach drüber - oder springt mit Gummistiefeln mittenrein.

Dieser Text ist eine Replik auf den Text von Corinna Wölm:
Zur Person

Laura Maria Drzymalla ist 27 und studiert in Freiburg "Medienkulturwissenschaft". Nebenbei arbeitet sie als Buchhändlerin in Freiburg.

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