Meine Meinung: Der Weihnachtsmarkt in der Ravennaschlucht ist Schrott

Johanna

"Hochromantisch" soll es auf dem Weihnachtsmarkt in der Ravennaschlucht zugehen. fudder-Autorin Johanna war da und erlebte genau das Gegenteil: Kitsch und Kapitalismus. Oh du fröhliche Konsumzeit.

Schwer bepackt und in so viele Kleiderschichten gewickelt, dass jede Zwiebel neidisch würde, ziehe ich los. Auf in die Ravennaschlucht zum Weihnachtsmarkt! Mit dabei zwei Thermoskannen Tee. Wer sich auf einen Weihnachtsmarkt begibt, muss gewappnet sein – so meine Devise.


Ich reise mit dem Auto an: Das ist der erste Fehler. Kaum angekommen fragt mich ein charmanter Mann mit neongelber Warnweste: "N’abend, ham se än Parkplatz reserviert?" Oh, verdammt, habe ich natürlich nicht – das war der wahre erste Fehler. Ein genauer Blick auf die Homepage hätte mir gesagt, dass ich einen Parkschein online für 6 Euro kaufen kann – beziehungsweise soll.

Abgesehen von den kalten Füßen erinnert nichts an weihnachtliche Gefühle

Mein Argument "wo eine Lücke ist, ist auch ein Parkplatz" überzeugt nicht. Also wende ich und fahre zurück bergab ins Himmelreich. Doch statt einem Engel erwartet mich hier nur der einsame Kollege von Herrn Warnweste und ein Shuttle-Bus. "Frohe Weihnachten" steht auf dem Ravennaschluchtexpress – ich bin noch weit weg von weihnachtlichen Gefühlen, abgesehen von meinen kalten Füßen. Zehn Minuten später steige ich aus, oder besser gesagt, ich werde ausgestiegen. Der Sog der Masse trägt mich raus in die Dunkelheit und rein in das Lichtermeer.

Flyer und Homepage versprechen: ein "wildromantisches" Schwarzwald-Ambiente. Ich stelle mir Schafsfelle, Fackeln und Trommeln vor. Stattdessen leuchtet mir an der nächsten Ecke ein rotes Sparkassen-Zeichen entgegen. Wahrscheinlich wurde dort nur für den Weihnachtsmarkt eine SB-Service eingerichtet – oh du fröhliche Konsumzeit. An der Kasse tausche ich 3,50 Euro gegen ein Eintrittsbändel. Die Weihnachtszeit ist ja bekanntlich die Zeit des Gebens.

#vorweihnachtszeitmitschatzi

Kaum habe ich den Eingang passiert, laufe ich direkt in eine Gruppe staunender Menschen, die entzückt ihre Smartphones auf das rot erleuchtete Viadukt halten: #ravennaschlucht #blackforest #nofilter. Und dann noch ein Selfie mit dem Liebsten, oh du Fröhliche, #vorweihnachtszeitmitschatzi. Und dann fährt die Höllentalbahn ratternd über die Köpfe hinweg, schnell noch ein Foto, oh schade, verschwommen. Trotzdem, oder gerade deshalb: #romantic.

Jetzt will ich mich aber endlich auf die Suche nach dieser wildromantischen Stimmung machen, von der alle reden. Weihnachtsmusik, Geflötetes und Gejodeltes schallt aus Lautsprechern. Der neue "einzigartig erleuchtete Weihnachtsbaum" sieht aus, wie in ein mit Lämpchen besetztes Haarnetz gehüllt. Beim Weihnachtspostamt geben sogar Erwachsene ihren Wunschzettel ab, wirklich? Ich laufe auf dem beleuchteten "Elfenpfad" ein Stück in den Wald hinein. Ob der Holzgnom weiß, dass ihm die 5000W Neongrün gar nicht so gut stehen?

Das einzig Gute ist der Glühwein

Im Internet wird mit "40 Anbietern regionaler Produkte, feinstem Kunsthandwerk und vielen außergewöhnlichen Geschenkideen" gelockt. Es gibt Schmuck, Wollsocken, geschnitzte Nikoläuse und Würste. Ich raste nicht unbedingt aus vor Begeisterung. Mit kulinarischen Schmeicheleien kann man mich aber immer versöhnen. Ich genehmige mir Raclette-Käse und am selbigen Stand einen Glühwein. Und ich muss gestehen, dass das einer der besten Weihnachtsmarkt-Glühweine war, die ich je getrunken habe. Guter Geschmack, guter Preis.

Ein wenig beseelt und fast weihnachtlich gestimmt schlurfe ich schließlich zurück und sehe, wie mir ein Shuttle-Bus direkt vor der Nase wegfährt. Also warte ich in der Kälte auf den nächsten Bus. Zum Glück habe ich meinen Thermoskannen-Tee dabei.