Meine Meinung: Der Videobeweis ist Mist

Leah Biebert

Seit Anfang der Bundesliga-Saison soll der Videobeweis krasse Schiedsrichter-Fehlentscheidungen verhindern. Aber so toll ist das neue Hilfsmittel gar nicht. Warum es den Fußball nicht weniger ungerecht macht als er vorher sowieso schon war?

"Das ist ein Scheiß mit dem Videobeweis", äußerte sich Freiburgs Mittelfeldpieler Amir Abrashi verärgert nach dem Spiel gegen den BVB, bei dem Neuzugang Ravet mit einer Roten Karte vom Platz gestellt wurde. Ich kann mich ihm da nur anschließen. Nicht nur macht es der Videobeweis möglich, dass ein bereits bewertetes Foul nochmal anders bestraft werden kann, wie beim Spiel am vergangenen Samstag.


Die Einführung des Videoassistenten bringt einen ganzen Rattenschwanz an Problemen mit sich. Er soll eingreifen können, wenn es um Tore, Elfmeter, Rote Karten und Spielerverwechslungen geht. Eindeutige Fehler des Schiedsrichters können in diesen Fällen korrigiert werden. Aber was ist ein eindeutiger Fehler?



Beim Abseits beispielsweise geht es um Zentimeter und Millisekunden. Schon der Moment der Ballabgabe ist zeitlich nicht genau festlegbar, weder für das menschliche Auge auf dem Platz noch für ein technisches Hilfsmittel. Im Zweifel wird der Schiedsrichter das Spiel wohl weiterlaufen lassen, denn ein nicht gepfiffenes Abseitstor lässt sich im Nachhinein korrigieren.

Pfeift der Schiri jedoch das Spiel ab, obwohl keine Abseitssituation vorlag, so greift der Videoassistent nicht ein, weil die Situation nicht zwingend zu einem Tor führen muss. Beide Entscheidungen haben damit unterschiedliche Einflüsse auf den restlichen Spielverlauf. Scheut der Schiri die Entscheidung und lässt das Spiel weiterlaufen, stärkt dies außerdem die Offensive und begünstigt allgemein die Favoriten. Und wir wollen doch nicht, dass dem FC Bayern noch mehr in die Hände gespielt wird!

"Aber wird der Fußball dadurch gerechter als vorher? Meiner Meinung nach nicht."


Im Fußball gibt es nun einmal viele Szenen, die in einen Grenzbereich fallen, der zwischen "eindeutig" und "Ansichtssache" liegt. Mithilfe des Videobeweises werden vielleicht krasse Fehlentscheidungen aus dem Fußball verschwinden, aber wieviele gibt es davon innerhalb einer Saison schon? Ich befürchte, dass von nun an immer öfter auf den Videobeweis zurückgegriffen werden wird, auch bei eher schwammigen Situationen.

Denn obwohl die Schiedsrichter durch den Videobeweis geschützt werden sollen, so wird ihre eigentliche Fachkenntnis damit doch eigentlich nur transparenter und auch öffentlicher. Mit der Durchtechnisierung des Fußballs wird ihnen außerdem immer mehr das Spiel aus der Hand genommen. Da spielte schon die Einführung der Torlinientechnik eine Rolle. Und diese Technisierung entspricht für mich nicht mehr dem Wesen des Fußballs. Hinzu kommt, dass der Videobeweis den Spielfluss langsamer macht und dem Spiel seine Intensität nimmt.

Mehr Diskussionen über den Videobeweis
Es gibt längere Unterbrechungen, weshalb auch die Nachspielzeiten länger werden. Fällt ein Tor, so brandet nicht gleich ungehemmter Jubel auf. Zunächst fällt der Blick auf den Schiedsrichter, um sicherzugehen, dass das Tor nicht nochmal vom Videoassistenten unter die Lupe genommen werden muss. Aber wird der Fußball dadurch gerechter als vorher? Meiner Meinung nach nicht.

Rote Karten können vom Videoassistenten empfohlen werden, Gelb-Rote aber nicht, obwohl sie den gleichen Einfluss haben. Denn würde eine Gelb-Rote Karte empfohlen werden, müsste gleichermaßen auch eine Gelbe Karte empfohlen werden können. Und hier geht es dann wiederum nicht mehr um spielentscheidende Situationen.

Zunächst dachte ich, der Videobeweis würde dem Fußball seine Debattierfreude nehmen. Keine Diskussionen mehr über Abseitstore oder Schwalben im Strafraum. Stattdessen gibt es jetzt Diskussionen über den Videobeweis. Aber deshalb hat er für mich noch lange keine Daseinsberechtigung.

Mehr zum Thema: