Meine Meinung: Der Drag-Auftritt beim GNTM Finale war total heuchlerisch

Dita Whip

Beim GNTM-Finale sorgten plötzlich 20 Drag-Queens für Unterhaltung: Die Freiburger Drag Queen Dita Whip findet dieses Pinkwashing einer fast schon frauenfeindlichen Sendung unmöglich – und hat für fudder einen Gastkommentar geschrieben.

Elegant, vielfältig und wunderschön stehen sie auf der Bühne von Germanys Next Topmodel - natürlich sind nicht die Pappkarton-Aufsteller von FinalistInnen gemeint. Es geht um die 20 deutschen Drag Queens, die gestern die Bühne des Casting-Klassikers kurzweilig bevölkerten. Alle logischerweise mit fünfmal so viel Starpotenzial gesegnet, wie die FinalistInnen der Klumschen Hungerhaken-Resterampe. Aber das greift der ganzen Sache vorweg.


Mitten in der Show: Heidi nimmt "Backstage" eine Lieferung entgegen und siehe da – gay ex machina – vier RuPauls Drag Race-Drag Queens tanzen aus der Ladefläche eines Lieferanhängers hervor. Pflichtbewusst performen sich diese zusammen mit den FinalistInnen der Show und 20 deutschen Drag Queens durch eine eklatante Kopie von RuPauls Musikvideo zu "Kitty Girl".

"Ich fühle mich, als würde ich gerade mit einem Einhornbuttplug und Zuckerwattegleitgel gefistet."

Auf der Hauptbühne wird dann zu Katy Perrys "Firework" und Lady Gagas "Born This Way" der letzte Rest echten Drag Queen-Appeals zu Grunde geklumt. Zwischendurch der obligatorische Schnitt auf Olivia Jones im Publikum. Als dann noch die 20 deutschen Drag Quees zu Kylie Minogues "All The Lovers" unter Konfettiregen und Lasershow, die Bühne betreten, ist es so weit: Ich fühle mich, als würde ich gerade mit einem Einhornbuttplug und Zuckerwattegleitgel gefistet. Das ganze ist so klischeehaft und flach schwul, dass ich kurz überlege etwas klischeehaft Heterosexuelles zu tun: Ein Bier mit den Zähnen aufmachen, oder weiß der Teufel.

Man darf das Ganze jetzt nicht falsch verstehen. Mein innerer schwuler Fanboy schrie nur noch "YAAAAAAS!", als ich voller Bewunderung 20 meiner deutschen Drag Queen-KollegInnen im TV sah. Und man muss sagen, dass alle großartig aussahen und die deutschen Drag Queen Szene mit Ehre und Würde repräsentiert haben. Ich war selten stolzer, dass ich mit diesen Ladies die Kunstform Drag teile.

Die deutschen Queens sollen ohne Gage kommen

Auf der anderen Seite der Paillette, sieht das Schimmern jedoch viel gedimmter aus. Red Seven Productions, die Firma hinter der Show, hat auch mir eine Mail geschrieben und gefragt, ob ich bei der Show dabei sein möchte. Vollkommen unentgeltlich. Auch keine Hotel- oder Reisekostenerstattung. Und da ich wie ein Dixie-Klo nach drei Tagen Festival bin, voller Scheiße, wollte ich trotzdem dabei sein. Hat letzten Endes nicht geklappt. Und ich bin froh darüber.

Um es kurz zu fassen: Vier internationale Drag Queen-Größen kauft man für teuer Geld ein, während man die deutschen Queens zuerst ohne Gage dabei haben will. Nun gab es letzten Endes eine kleine Aufwandsentschädigung für die TeilnehmerInnen (Wenigstens das!), aber das erste Angebot eines Auftrittes ohne Entlohnung stinkt zum Himmel.

Die fehlende Bezahlung ist noch das kleinste Problem

Ich muss doch als Künstler nicht darum betteln, für meine Arbeit bezahlt zu werden. Das ist widerlich. Man möchte die Produktionsfirma fragen, ob sie denn nur so geizen, weil es sich hier nicht um Weltstars handelt. Bei denen kann man das ja machen, oder wie? Man stelle sich vor, man würde das Selbe Menschen in einem festen Angestelltenverhältnis zumuten. Respekt für die Kunstform? Scheinbar die falsche Sendung! Aber gut, die Frage nach der Bezahlung ist noch nicht einmal das größte Problem.

Wozu die ganze Drag-Show? Um am Ende als kleine Seitendrapierung für eine Sendung zu dienen, welche dem Klumschen Konglomerat der mysogynistischen Grenzwertigkeit den Anschein der Toleranz, Diversität und Vielfalt schenken soll. Geil!

GNTM pickt sich nur den quotenhascherischen Effekt der schillernden Einzigartigkeit heraus

Die Kritik richtet sich hier übrigens nicht an die teilnehmenden Drag Queens. Es ist Teil unseres Geschäftes, dass man auf diese Bookings eingehen muss, denn es präsentieren sich so einfach Chancen, die eigene Karriere in etwas Solides, und Miete-zahlendes zu verwandeln. Als KünstlerInnen müssen wir immer den Spagat zwischen Engagement, Aktivismus und Entertainment schaffen. Und das wird, wenn man erfolgreich ist, nicht einfacher. Was jedoch eigentlich passiert, ist tief verborgen im Subtext

Drag als Kunstform ist eine zutiefst queere Sache, Teil der queeren Subkultur und doch offen für alle. GNTM pickt sich aber wieder nur den quotenhascherischen Effekt der schillernden Einzigartigkeit und des "Anders Seins" der KünstlerInnen heraus. Während unter Konfettiregen und "Love Wins" Schriftzügen die Queens den Catwalk entlang laufen, so das selbst Heidi etwas davon lernen könnte, bekomme ich den faden Beigeschmack der Kommodifizierung queerer Subkultur und der Kunstform Drag nicht aus dem Mund. Man könnte argumentieren, dass die Sichtbarkeit, die das Format einer solchen Subkultur bringt, die Nachteile wieder aufwiegt. Für mich überwiegen aber einfach die Eindrücke von massivem "Pinkwashing".

Die Sendung sonnt sich im Zeichen der Toleranz

Diese Sendung wird die Drag Karriere wahrscheinlich nur spärlich beflügeln - Bitte, bitte, liebe Queens, lasst mich Unrecht haben! – und GNTM sonnt sich im Zeichen der Toleranz. Es ist zudem nicht so, dass GNTM keine Geschichte hat, was das häppchenweise präsentieren von Subkulturen zum Entertainmentzweck angeht. Wenn man das ganze trocken und böse kommentieren wollte, so würde das Folgende dabei herauskommen:

GNTM, ein TV-Produkt bekannt für seine Existenz an der Grenze zur Mysogynie, kommodifiziert nach Lust und Laune queere Kultur als dekoratives Material, um sich selber in das Licht der Toleranz zu stellen. Dabei ist offensichtlich, das, wenn es sich hier um die kulturelle Aneignung von zum Beispiel afroamerikanischem Kulturgut handeln würde, der Shitstorm schon seit Jahren wüten würde. Leider bleibt dies im Namen der Queer-Community aus.

Toleranz, Diversität und Vielfalt verkommen zu Nullsummenbegriffen

Am Ende werden die so hoch gehaltenen Konzepte der Toleranz, Diversität und Vielfalt zu Nullsummenbegriffen. Und das Ganze wird durchweg mit dem Klumschen Plusquamperfekt gegen die Wand moderiert. Es bleibt nur die Erinnerung an eine riesige Regenbogen-Fahne, ein klumscher Würstchen-Witz bei Schwulen und die Einsicht, dass das Ganze für Toleranz und Diversity so viel geleistet hat, wie ein Besuch in einem polnischen Flatrate-Puff.

Ich verbleibe damit, die Namen der Queens aufzulisten, die Teil des Ganzen waren und toll performt haben. Leider kenne ich nicht alle, aber alle die, welche ich in meiner Unkenntnis vergessen oder ausgelassen habe, schreibt mir!

Liebe Veranstalter: Bucht die Mädels, zahlt ihnen eine ordentliche Gage für ihre Arbeit und schätzt sie als das Wert, was sie sind: Queere KünstlerInnen. Ansonsten werde ich euch finden und mit Heidi Klum vergleichen müssen.

Teil der Show waren (Nach meinem besten Wissen und Gewissen): Alice Dee, Aria Addams, Deena Jones, Katy Glowmillion, Kelly Heelton, Marcella Rockefeller, Molly Mointain, Nikita, Pam Pengco, Ripley Myers, Ruda Puda, Sugar La Diva, Vava Vilde, Yonce Banks, Vanessa Da Silva, Vicky Glämorous
Die Travestie-Künstlerin Dita Whip aus Freiburg ist seit 2012 als Drag-Queen unterwegs. In fudders Ihr-Blog bieten wir Lesern, die eine Geschichte oder ein Anliegen haben, eine Plattform. Die dargestellte Meinung gibt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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