Meine Meinung: Das ZMF-Programm 2013 ist mutlos

Alexander Ochs

Am Mittwoch beginnt das Zelt-Musik-Festival auf dem Mundenhof. fudder-Autor Alexander Ochs ist langjähriger Fan des ZMF. Doch das Programm des 31. Festivals enttäuscht ihn. Sein Urteil: "Musikalisch mutlos, inhaltlich mau."



Eins vorneweg: Ich liebe das ZMF. Und gehe seit 20 Jahren gerne und oft dorthin. Aber irgendetwas haben die Organisatoren diesmal falsch gemacht. Das hätte nicht passieren dürfen: Das ZMF-Programm „toppt“ traurigerweise tatsächlich noch das weitgehend uninspirierte Vorjahresprogramm. An sich schon ein Kunststück. Die Artisten in der Zirkuskuppel, ratlos? Oder einfach nur mutlos?


Mein Eindruck ist folgender: Das ZMF setzt sich in seinem 31. Jahr auf seine vier Buchstaben, äh, drei Großbuchstaben und vertraut offensichtlich allein auf deren Wirkung: ZMF = DTK, PUR, NAS. Sedierende Wirkung, muss man dazusagen.

Tatsächlich scheint das Programm des Zelt-Musik-Festivals fast immer aus demselben, zugleich schmaler werdenden Grundgerüst aufgebaut zu sein, und zwar einem Dreiklang aus (Hardcore-Version):  
  • abgehalfterten Künstlern, die man sich mittlerweile gerade irgendwie leisten kann (wie weiland James Brown – der damals schon lange gar keine Stimme mehr hatte)
  • traditionell auf dem ZMF vertretenen Dauerbrennern, meist mit lokalem Bezug (wenn ich richtig gezählt habe: 17 Mal Les Sensibles de Schallstadt, über 20 Mal Many & The Teddyshakers, zehn Mal Cécile Verny, neun Mal The Brothers)
  • Dieter Thomas Kuhn (nur acht Mal bislang).
 
Naturgemäß hat jedes Ding, ganz wie die schöne, alte Vinylplatte, zwei Seiten. Genauso gut kann man den Machern zugutehalten, dass sie (Kuschelrock-Variante):
  • große Namen nach Freiburg holen, wo die Großen ihres Fachs in der Regel keinen Tour-Halt einlegen (Beispiele: Miriam Makeba, Patty Smith, Calexico, Lambchop, Bryan Ferry, Ben Harper)
  • gestandenen, verdienten und vor allem regionalen Kräften die Treue halten (siehe oben)
  • mindestens ein Großkonzert mit Ausverkauft-Garantie einplanen und so jüngeren, weniger bekannten Künstlern eine Chance geben könn(t)en.
Hinzu kommen noch ein paar unverrückbare Elemente wie die Klassik-Matinée, etwas Comedy und was für die Kinder. Natürlich verschweigen beide Versionen, dass es das ZMF über die Jahre hinweg immer wieder vermocht hat, zwischen diese drei Leitpflöcke hochkarätige Bands oder vielversprechende Neulinge zu platzieren, die das Programm erst so richtig interessant machten für Liebhaber von Musik, die leicht vom Mainstream abzweigt. In der Vergangenheit haben die Macher immer wieder ein glückliches Händchen bewiesen, auch vom Timing her, als sie zum Beispiel 1999 Freundeskreis engagierten, 2002 mit Air frische Luft ins Zelt brachten, Apocalyptica damals herholten oder Get Well Soon vor fünf Jahren.

Denn das, was jenseits des Mainstream liegt, findet auf dem ZMF gar nicht mehr oder nur noch sehr marginal statt. Da mutet es wie Hohn an, wenn Koko behauptet, das Programm 2013 fordere das Publikum auf, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Und Bekanntes? Arrivierte Jazz-Größen, wie sie die ersten Jahre und Jahrzehnte des Festivals schmückten, schauen auch nicht mehr vorbei. Wer war nicht alles da! Al Jarreau, Al Di Meola, Branford Marsalis, Chick Corea, das Dave Brubeck Quartet, Jan Garbarek, John Lurie, Maceo Parker, Nina Simone ... Warum nicht mal wieder Maceo? Oder Dan Berglunds Tonbruket, entstanden aus dem untergegangenen Esbjörn Svensson Trio?

Ein breites Spektrum zeitgemäßer Musikstile wird von den ZMF-Machern sträflich missachtet. Was ist heute noch los auf dem ZMF mit Spielarten, die mittels des Wörtchens Indie, Folk, Rock, Wave, Punk Ska oder Garage zusammengesetzt werden? (Das weite Feld der elektronischen Musik bleibt ohnehin außen vor.) In den Jahren zuvor waren zumindest einige kleiner Tupfer davon im Programm wie Iron and Wine, Ólafur Arnalds, Wallis Bird oder Young Rebel Set.

Liebe Leute, Freiburg hat eine ganze Reihe superengagierter Nachtmacher und Konzertveranstalter, die für unser kleines Städtchen ein tolles Programm auf die Beine stellen. Warum lasst ihr die nicht einfach mal reihum einen Gig oder einen Abend kuratieren? Warum stellt ihr nicht mal ein vielversprechendes neues Label an einem Abend vor? Oder macht einen Themenabend mit TV Noir-Musikern? Oder mit Vertretern der Nouvelle Scène Française? Oder ladet Nils Frahm ein? Fragt die deutsche Funk-Sensation The Mighty Mocambos? Oder holt die fantastischen Pigor & Eichhorn mal ins Zelt? Warum nicht Botanica? Oder Jon Spencer?

Und wenn schon abgehalftert, dann bitte richtig: Dann holt doch gleich den Lindenberg her. Und für die Kids die coole Hamburger Combo Deine Freunde. Wie man Vieles richtig machen kann, zeigt das Karlsruher Tollhaus: Das Programm dort, nicht nur fürs Zeltival, sieht – im Vergleich zum ZMF – toll aus.

ZMF, das steht für mich dieses Jahr leider für: ziemlich müder Fahrplan. Viel lieber wäre es mir, wenn diese drei Buchstaben wieder mit richtigem Leben gefüllt würden: zupackend, mutig und frech.

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[Foto: Carolin Buchheim]